„Man darf sich nie von seinem Gegner den Grad der Radikalität des eigenen Denkens und Handelns vorschreiben lassen“. Hans Paul Bahrdt und die „68er“-Bewegung. Ein Gespräch mit Wolfgang Eßbach (Teil 2)

Römer:

Für einen phänomenologisch orientierten Soziologen wie Bahrdt stand immer die Frage nach alltäglichen Handlungsvollzügen und sozialen Praktiken im Mittelpunkt. Insofern ist es naheliegend, hier genauer nach den konkreten Veränderungen im Alltag des Göttinger Soziologischen Seminars zu fragen, die sich in der Zuspitzung der Studentenbewegung ergaben. Es ist ja gemeinhin bekannt, dass sogar linke Hochschullehrer spätestens im Jahr 1968 mit erheblichen Problemen zu kämpfen hatten. Über die Situation in Berlin und Frankfurt wissen wir vieles, aber auch im „roten“ Marburg, dem einzigen Universitätsstandort, an dem die Soziologie fast schon „monopolistisch“ durch marxistisch orientierte Wissenschaftler vertreten wurde, entluden sich zum Teil heftige Spannungen zwischen Lehrenden und Studierenden. Bahrdt, der sich selbst als Liberaler bezeichnete und den wir aufgrund seiner politischen Haltung sicherlich dem sehr heterogenen linksbürgerlichen Spektrum in der Bundesrepublik zuordnen können, schreibt, er sei damals von der Plötzlichkeit des Ausbruchs überrascht worden. Gleichwohl beschreibt er die Göttinger Studentenbewegung als eine Bewegung von „geringer Heftigkeit“, wenn auch in ihren Folgen „zäh und nachhaltig“. Wie sehr standen in Ihrer Erinnerung die Göttingen und Bahrdt selbst im Fokus der Studentenbewegung?

 

Eßbach:

In meiner AStA-Zeit gab es zwischen dem Göttinger Polizeichef Erwin Fritz und uns eine Absprache. Er kam nach dem 2. Juni 67 mit seinem Adjutanten Pages ins AStA-Büro und erklärte, daß er bei Demonstrationen die Polizei weitgehend unsichtbar für die Demonstranten in den Nebenstraßen aufstellen werde und sagte mir dann: „Wenn einer Ihrer Leute einem meiner Leute etwas antut, dann bekommen Sie es mit mir zu tun.“ Daran hat sich Fritz gehalten, auch in schwierigen Situationen wie zum Beispiel der Besetzung des Audimax am Weender Tor, das wegen einer anonymen Bombendrohung geräumt werden sollte. In dieser Situation hat auch Bahrdt kräftig mitgeholfen, daß die Verhandlungen zum Ergebnis führten: der AStA überzeugt die Besetzer, das Gebäude zu verlassen, die Polizei sucht nach der Bombe und danach toleriert sie, daß die Besetzer wieder in das Audimax einziehen. Die Bombendrohung stellte sich als Fake heraus, im Audimax gab es über Nacht ein „Sleep-in“ und am Morgen war das Gebäude verriegelt. Der Polizeichef Fritz wurde später abgesetzt (in den Semesterferien, aus Sorge vor Sympathiekundgebungen der Studenten), weil er sich weigerte, die Polizei gegen Schüler auf dem Schulhof einzusetzen, die dort Flugblätter verteilten. „Ich setze meine Leute nicht gegen Kinder ein“, hatte er erklärt.

Bahrdt hat sich oft in Debatten eingemischt, nicht nur mündlich, sondern auch durch Stellungnahmen, die er hektographiert verbreitete, bisweilen mit „Privat-Flugblatt“ überschrieben, manchmal auch in gebundene Rede mündend. Seine Offenheit für Diskussionen mit Mitarbeitern und Studenten hat mit dazu beigetragen, daß er gelegentlich zu sagen pflegte, er fühle sich angesichts des Aufruhrs in der Uni im Soziologischen Seminar wie im „Auge des Hurrikans“.

 

Römer:

Ein anderer wichtiger Punkt, über den wir immer noch zu wenig wissen, ist die universitäre Lehre in dieser Zeit. Wir alle kennen die nicht selten verklärten Erzählungen von Institutsbesetzungen. Seminarveranstaltungen, Vorlesungen und ganze Hochschulen sollten „demokratisiert“ werden, was nicht selten zu einer Lahmlegung des gesamten Betriebes führte. Wie gestaltete sich in dieser Zeit auch im Vergleich zu anderen Fächern das Verhältnis zwischen dem stets politischen Hochschullehrer Bahrdt und den politisierten Studierenden in Seminar- und Vorlesungsveranstaltungen? Wie reagierte er etwa auf die neuen Anforderungen nach demokratischer Mitbestimmung in der Lehre?

 

Eßbach:

Ich kann mich nicht an Besetzungen des Soziologischen Seminars erinnern, auch nicht an Go-ins in soziologische Veranstaltungen. Da am Seminar eine deutliche Mehrheit linker Assistenten arbeitete, die die Themen anboten, die den Interessen politisierter Studenten entgegenkamen, gab es inhaltlich wenige Gründe für „Sprengungen“ von Veranstaltungen. In diesem Punkt waren die Professoren z.B. der Germanistik mehr mit zum Teil bösen Konflikten konfrontiert. Die Semesterplanung erfolgte  in der Seminarversammlung, an der Studierende der Fachschaft teilnahmen. Mit dem Ausbalancieren von Konflikt und Kooperation hatte Bahrdt selten Probleme.

 

Römer:

Bahrdt selbst war alles andere als ein Marxist. Gleichwohl schenkte er in seiner Zeit dem sogenannten „Seminarmarxismus“ der „68er“ eine besondere Aufmerksamkeit. Die exegetischen bis esoterischen Lesekurse brachten für Bahrdt ebenso talentierte wie gefährdete Studierende hervor. Diese Einschätzung stützt sich offensichtlich auf Bahrdts eigenen Zugang zu Marx, der zwar das ökonomische Spätwerk nicht vergisst, aber von den spät entdeckten philosophisch-anthropologischen Frühschriften sowie einer politisch nicht parteigebundenen Lektüre geprägt bleibt, die in der Nachkriegszeit an westdeutschen Evangelischen Akademien und philosophischen Seminaren praktiziert wurde. Sie selbst haben ja im direkten Umfeld von Bahrdt intellektuellengeschichtlich und -soziologisch über die Junghegelianer gearbeitet. Was konnte man von Bahrdt über Marx und „den Marxismus“ lernen? Und was könnten Soziologinnen und Soziologen rund 50 Jahre nach „68“ – einer Zeit also, in der uns Marx weniger als Theoretiker der Revolution, sondern als ein fachlich gut integrierter und zitierfähiger „Klassiker“ der Soziologie erscheint – heute noch von Bahrdt lernen?

 

Eßbach:

Was seine politische Heimat betraf, so war Bahrdt als Student in den SDS und in die SPD eingetreten. Prägend ist für Bahrdt  einmal die Erfahrung der Unfähigkeit der bürgerlichen Elite, der Elternhäuser seiner Generation, den Vormarsch Hitlers rechtzeitig zu stoppen, gewesen und dazu die Einsicht, daß es einen Sozialstaat brauche, wenn man die Demokratie in den unteren Schichten verankern wollte. Für ihn war das Bündnis mit der Arbeiterbewegung verläßlicher als „die unzuverlässigen bürgerlichen Kreise“, wie er gelegentlich sagte. Was mit Marx und der Arbeiterbewegung zusammenhing, war ihm wohl vertraut. 1954 rezensierte er die Memoiren von Henrik de Man, ein heute nur selten gelesener sozialistischer Wissenschaftler und Politiker. Daß die Studentenbewegung Marx wiederentdeckt habe, war für Bahrdt eine Legende. Die Seminare des  Historikers Hermann Bollnow haben bei dem Studenten Bahrdt das Interesse für Marx geweckt. Es waren gerade die „Pariser Manuskripte“, die nach 1945, den Blick auf einen Marx freilegten, der im Leninismus und Stalinismus pervertiert worden war. Die radikale Abspaltung des „jungen Marx“ vom „reifen Marx“ und die Dogmatisierung des letzteren griff erst mit Louis Althusser „Pour Marx“ 1965. Bahrdt hatte eine breite Kenntnis der Geschichte des Sozialismus. An Diskussionen über mögliche Formen von Rätedemokratie hat er sich gern beteiligt, auch sympathisierte er mit plebiszitären Ergänzungen der Verfassung, aber insgesamt hielt er den Parlamentarismus für die vernünftigste Staatsform.

Ich will nur ein charakteristisches Beispiel für die Art und Weise Bahrdtscher Interventionen in Sachen Marxismus anführen. In der frühen Phase des Soziologischen Forschungsinstituts hatten Martin Baethge, Horst Kern und Michael Schumann ein 18-seitiges Paper verfaßt: Thesen zur Bestimmung von empirischer Sozialforschung im entwickelten Kapitalismus. Bahrdt lieferte dazu 7 Seiten „Anmerkungen zum Paper“, in denen er Punkt für Punkt mal zustimmend mal korrigierend Stellung bezog. So hatten die Autoren unter der Überschrift „Zur politischen Relevanz der Sozialforschung“ geschrieben: „In dieser Phase ist es dem Kapitalismus durch eine Reihe politischer Maßnahmen gelungen, die Klassenauseinandersetzungen im Innern der einzelnen kapitalistischen Gesellschaften zumindest so weit einzudämmen und zu regulieren, daß sie nicht zur Zerstörung des Systems oder auch nur zur permanenten offenen Bedrohung der Kapitalverwertung geführt haben.“

Zu dieser Aussage merkte Bahrdt an: „In einer soziologischen Formulierung kann man einen Begriff, der die Intention eines Subjekts impliziert, z.B. das Wort ‚gelingen‘ nur dann verwenden, wenn das grammatische Subjekt auch tatsächlich Subjektcharakter hat. Wer ist der Kapitalismus? Die Kapitalisten? Dies wird nicht ausgesprochen, ist wohl auch nicht so gemeint. Sollten mit dem Kapitalismus objektive Strukturen gemeint sein, die irgendwelche regelmäßigen Auswirkungen haben, worüber sich reden ließe, dann ist er aber schwerlich das Subjekt „politischer Maßnahmen“. Wer ist denn aber das Subjekt dieser Maßnahmen? Politiker, die nur Agenten des Kapitals sind.?“

Und dann heißt es: „Es ist mir nicht klar, warum der in dem Paper bevorzugte Typ der Sozialforschung ‚materialistisch‘ genannt wird, es sei denn, das Wort meint ‚marxistisch‘. Es fragt sich aber, ob die Marxisten sich wirklich einen Gefallen getan haben, wenn sie sich den Beinamen „materialistisch‘ zulegten. Dies hat zu unendlichen Irrtümern geführt, auch bei ihnen selbst. Aus der Umkehrung des Hegelschen Idealismus entsteht etwas ganz anderes als ‚Materialismus‘ (im Sinne der philosophischen Terminologie).“

 

Römer:

Meine letzte Frage betrifft die Entwicklung der Soziologie nach 1968. Die heftigen Auseinandersetzungen auf dem „68er-Soziologentag“ in Frankfurt hatten seinerzeit das Fach tief verunsichert. Die Deutsche Gesellschaft für Soziologie beantwortete damals die als „Assistentenrevolte“ wahrgenommene Politisierung innerhalb des Faches zunächst mit einer mehrjährigen Aussetzung von Kongressen und schließlich mit einer Professionalisierungsinitiative auf  dem Kasseler Kongress 1974. Man kann die unter der Formel „Theorienvergleich“ firmierende Agenda des Kongresses auf die Formel „Theorienpluralität innerhalb der Einheit des Faches“ zuspitzen. Sie sollte die aus dem Ruder gelaufenen Marxisten wieder ins Boot holen sowie die institutionelle Konstitutionalisierung und den beständigen Ausbau des Faches mit einer verbindenden Klammer versehen – eine Sehnsucht, die ja bis heute durchaus weiterlebt, auch wenn für die projektive Einheit des Faches immer weniger „die Theorie“ als Referenz herangezogen wird. Auf den heutigen Soziologie-Kongressen erleben wir hingegen, dass sich diese Formel längst in einen oft babylonisch anmutenden Theorien- und Methodenpluralismus verwandelt hat – sicher auch weil die kurz darauf finalisierten Gesellschaftstheorien á la Luhmann und Habermas niemals das halten konnten, was sie versprochen haben. Von Bahrdt wissen wir, dass er der in dieser Zeit in allen Lagern verbreiteten Neigung zur „großen Theorie“ ungemein skeptisch gegenüberstand. Vielleicht können Sie etwas darüber sagen, wie Bahrdt diese Entwicklungen innerhalb des Faches wahrgenommen und welche Perspektiven er für die Soziologie jenseits dieser eher unfruchtbaren Auseinandersetzungen gesehen hat?

 

Eßbach:

Bei Bahrdt habe ich gelernt, daß es in der Wissenschaft zuerst um Sachen geht. Um sie zu erforschen, braucht man Methoden, und für die Deutung und Darstellung der Resultate können Theorien hilfreich sein. Für Soziologen liegen die Themen auf der Straße, zu ihnen kommt man nicht durch gedankliche Akrobatik, sondern durch hinsehen. Methoden sind nichts weiter als Instrumente, es gibt keine einer Methode immanente Wahrheit. Theorien sind immer einäugig, weil sonst keine intellektuelle Homogenität herstellbar ist. Aber: „Die Wirklichkeit ist nicht geometrisch“, so eine der hilfreichen Bahrdtschen Sentenzen.  Theorien- und Methodenpluralismus ist nur dann ein Greuel, wenn man Abschied von den Sachen, die auf der Straße liegen, genommen hat und an alleinseligmachende Methoden oder daran glaubt, wie in einer Weltformel das Ganze des Sozialen in einer Theorie zu fassen.

 

Römer:

Lieber Herr Eßbach, ich danke Ihnen ganz herzlich für dieses Gespräch!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.