Schreiben über das Schreiben

Für die DGS zu bloggen, ist ein ‚erstes Mal‘ für mich. Das Bedürfnis, unbekannten Lesern Überlegungen zuzumuten, die sie nicht angefordert haben, habe ich bislang in traditionellen Publikationsformaten ausgelebt. Es erscheint mir bequemer, so zu schreiben, als gäbe es lediglich buch- oder artikellesende Rezipienten, schließlich richte ich mich auf diese Weise an eine ominöse Gruppe, von der Rückmeldungen zunächst einmal nur in geringen Dosierungen zu erwarten sind. Die Arg- und Wehrlosigkeit des anonymen Publikums gibt mir die Freiheit, unbeschwert zu sein, handelt es sich von meiner Warte aus doch um (k)eine spezifische Leserschaft: präsent in Abwesenheit, zunächst namenlos und nur hin und wieder in Erscheinung tretend – als Lesende, Belesene, als diejenigen, die gelesen haben bzw. bald gelesen haben werden.

Getrost darf vermutet werden, dass Menschen, die sich soziologisches Schrifttum einverleiben, ganz überwiegend selbst Schreibende sind. Unter diesen Umständen kann im Lesemodus die Haltung der Schreibenden mitgedacht werden. Wenn der Stoff sich ‚lohnt‘, wird womöglich sogar die Erkenntnisposition rekapituliert, von der aus dieses Lesematerial entstehen und geliefert werden konnte (man kann es zumindest versuchen!). Und vielleicht schreiben Leser das Gelesene sogar ein wenig weiter, der Kopf denkt ja nun einmal mit, so undurchdringlich er auch sein mag. Wer beim Lesen etwas am Textrand notiert und damit den Text ‚ergänzt‘, sei nicht der schlechteste Leser, hat Adorno einmal geschrieben (aber nicht am Rand). Dass ein Blog qua direkter Antwortfunktion dem Verhältnis von Schreibenden und Lesenden so viel Nähe verleihen und dennoch die schöne Idee der Marginalie vernichten kann, hat er wohl nicht geahnt.

Papierproduktionen lassen einen egoistisch sein, wenn man nicht gerade an einem Roman arbeitet, zu dem einen innere Mächte zwingen, der aus anderen Gründen unbedingt mitgeteilt werden muss bzw. zu dem einen Verlage, Lektoren, significant others, zuviel Freizeit oder sonstige Sachzwänge verpflichten. Fiction produzieren heißt, SchriftstellerIn zu sein mit einem potenziellen Publikum in der Größenordnung irgendwo zwischen null und Millionen von Lesern. Das Bonmot ist bekannt, wonach Zensur den unschätzbaren Vorteil hat, dass wenigstens einer sich mit dem Text befasst… Wissenschaftlich schreiben heißt dagegen, seinen Job zu machen. Für Außenstehende schwer verständlich, wo doch Schreiben zwischen zwei Extremen abzulaufen scheint: einerseits journalistische Tagesproduktion, die ephemer, weil morgen schon wieder veraltet ist; das bedruckte Papier dient hernach, so will es das Klischee, niederen Zwecken wie dem Einwickeln von Fischen und dem Ausstopfen von Paketsendungen. Da hätte mancher Baum auch gleich stehenbleiben können. Andererseits, und das ist die große Kunst, geht es beim Schreiben in der außerwissenschaftlichen Draufsicht um ästhetisches Konfigurieren von Autorschaft als Selbstweck, somit vermeintlich ohne äußeren Druck, das Material muss ja erst einmal ‚gären‘, das Genialistische braucht Zeit. Danach wird die Ernte eingefahren, Reichtum und Ruhm, was aber – Ethos der Ästhetik – nie gesucht und gewollt war, man will doch selbstverständlich nichts anderes als Schreiben um der Sache selbst willen.

Und wissenschaftliche Texte? Sie befinden sich nicht mal zwischen den Kategorien, sondern sind schlichtweg keins von beidem. Streng die Struktur, einprägsam die Muster: Minima Formalia. Obwohl die Mission meistens recht klar ist, fällt das Füllen mit Inhalt manchmal schwer, umso schwerer, je zahlreicher die Einfälle sprudeln. Immerzu wird akademisches Schreiben von der Vergangenheit überschattet, denn ohne Referenz auf das ähnliche Vorherige geht es nicht; so entstehen Buchstabenwelten voller ritualisierter Verweise. Als ich, noch Student, einmal meinen PC zum Fachmann brachte, weil das Textverarbeitungsprogramm sich nicht meinem Willen unterjochen wollte, wurde meine quasi-natürliche Gewöhnung an all dies evident. Nachdem das Problem rekapituliert war, strich der Experte das ‚re‘ und kapitulierte; denn ich hatte eine Nachfrage zur Fußnotensetzung, derweil mein Gegenüber bis dato nicht gewusst hatte, dass es so etwas wie Fußnoten überhaupt gibt.

Ist in Fachmagazinen für bibliologische Angelegenheiten eigentlich schon thematisiert worden, dass die schöne Gattung des Sonderdrucks vom Aussterben bedroht ist? Damit konnte man immerhin jemandem etwas überreichen, wenn die Peer-Review-Bürde überstanden war – einen materiellen Beweis sozusagen, dass man mitmischt im akademischen Geschäft. (Angehörigen der Außenwelt kann bei dieser Gelegenheit zudem erklärt werden, dass Wissenschaft dank ihrer internen Begutachtungsideologie eine Art schlagende Verbindung ist.) Gewiss, imposant sind die dünnen Heftchen nicht, und wie soll man sie überhaupt aufbewahren? Andererseits: wer könnte das der Sache eingepflanzte symbolische Kapital besser nachvollziehen als Soziologinnen und Soziologen?

Beeindruckender kommt da schon die Dissertation daher. Ein ‚echtes‘ Buch! Freunde und Familie zeigen Anerkennung, und dies antizipierend, dankt man im Vorwort genau denen, die sich später freuen. Es lässt sich mutmaßen, dass die Wertschätzung je nach persönlicher Lebenslage divergiert. In manchen Kreisen gehört Promovieren zur Normalitätserwartung an sich selbst dazu, in anderen löst schon der Gedanke, dass X den Versuch angeht, Unglauben und Kopfschütteln aus. Der Versuch ist schließlich, wie der Spontanphilosoph Homer Simpson weiß, der Anfang des Scheiterns. Glaubt man Bourdieu – der, wenn er wollte und könnte, sicherlich einwenden würde, dass Glauben nicht der richtige Begriff ist –, wäre im soziologischen Kontext die irritierte Reaktion wahrscheinlicher. Das Lebensweltrisiko, gerade in und mit der, und letztlich auch für die Soziologie eine Karriere zu starten, gehen nämlich (sinngemäß) diejenigen gerade nicht ein, die von Kindheit an mit der Ökonomie kultureller Währungen gut vertraut sind. Will man sich ernsthaft mit der Soziologie beschäftigen, ist das also auch ein biografisches Wagnis.

Das soll gar nicht skeptisch klingen. Wie bei anderen Drogen greift die Sogwirkung der Soziologie erst, wenn man sich ihr freiwillig aussetzt und also zumindest einmal neugierig gewesen ist. Nicht alle bleiben an Bord. Die, die wieder abspringen und Methadonprogramme absolvieren (BWL-Studium, Jura, Lehramt oder irgendetwas anderes ‚Gescheites‘), sind für den Binnenblick der soziologischen Insider allerdings unsichtbar. Für die Überzeugten des Fachs scheint zu gelten, dass die Befremdungsmaschinerie Soziologie, kaum dass man sich zaghaft mit ihr angefreundet hat, einen unweigerlich in ihren Bann zieht. Danach ist nichts mehr übrig von der Unschuld der vorangegangenen Lebensjahre. Für die meisten SoziologInnen ist dies mehr Segen als Fluch; für diese Segnung stellt die jahrelange Auseinandersetzung in der Promotionszeit mit Themen und Methoden, die für den ‚gesellschaftlichen Jedermann‘ erst einmal übersetzt werden müss(t)en, einen überschaubarer Preis dar. Die Dissertation muss als Initiationsritus betrachtet werden, der – im Korsett institutionalisierter Ablaufschritte – Schreibende in Eingeweihte verwandelt. Mehr Abnabelung, als eine sozialwissenschaftliche Promotion implizit erzeugt, kann ich mir kaum vorstellen. Das, was mit Blick auf die Etymologie in Anführungsstrichen ‚Fachidiotentum‘ genannt werden könnte (idios = grch. selbst, also irgendwie auch: Selbstständigkeit), vermengt sich hier schließlich (zugegeben, mehr oder minder) mit der durch Fachwissenszuwachs erwirtschafteten Distanzierung gegenüber eigenen Lebenskontexten, um sie aus der Ferne näher betrachten zu können.

Vorher muss natürlich alles glatt laufen. Doktorväter und -mütter nehmen ihre elterlichen Pflichten für gewöhnlich ernst, mit etwas Pech landen Kandidaten jedoch bei Frustrierten, Egomanen, und im schlimmsten Fall bei egomanisch-frustrierten Betreuern, die einem das Zeitregime vermasseln und regelmäßig das Nervenkostüm torpedieren. Auch Krankheit, Umzug, Beziehungsstress usw. können dazu führen, dass die Promotion in erster Linie nicht monografisch oder kumulativ, sondern promiskuitiv ausfällt – neue Stellen, neue Gutachter, neue Themen. In der Rückschau wird der Titel, wenn er endlich vor dem Namen steht, dann doch zum kulturellen Schmerzensgeld. Bis vor einigen Jahren galt, dass er einem wenigstens nicht mehr genommen werden konnte, komme ansonsten, was da noch wolle. Mittlerweile ist das Verfassen der Dissertation aber auch zu einer ethischen Herausforderung geworden – aus gewissermaßen sportsoziologischen Gründen. Irgendwo in den Tiefen des Internets könnte jemand nur darauf warten, den impliziten Wettkampf um die Generierung akademischen Skandalisierungspotenzials mit einer plagiatssensiblen Lesart just der neuesten Untersuchung zur X-Facette im Werk von Y zu gewinnen. Sollten in dieser bislang nicht olympischen Disziplin demnächst Medaillen vergeben werden, ich wäre wenig überrascht. Unterhaltungswert hat das detektivische Aufdecken entsprechender Verfehlungen allemal, nicht zuletzt deshalb, weil die Ertappten (zu denen auch SoziologInnen zählen) vor öffentlichen Augen eine Art römische Gladiatorenarena betreten müssen; bewaffnet nicht mit Schwert, Schild und Netz, sondern mit einem wertlos gewordenen Schriftstück.

Den Eltern gegenüber wäre so etwas wohl besonders peinlich. Dabei kennen diese sich mit unklugen Entscheidungen ihrer Kinder für gewöhnlich gut aus, zum Beispiel mit den Autonomieansprüchen von Teenagern. Die Entgegennahme der Doktorurkunde, biografisch wesentlich später angesiedelt, ist in einer dem Kulturkapitalgedanken stark verpflichteten sozialen Welt die wohl eleganteste Methode, um den Eltern darzulegen, dass ihre zeitweilige Sorge um das Ausmaß der Vernunftbegabung ihres Nachwuchses übertrieben war. Deshalb freuen sich alle Beteiligten mit, wenn das Verfahren erfolgreich absolviert worden ist. Die Dynamik innerfamiliärer Emotionsarbeit im Zuge des Promotionsabschlusses wäre einen Sonderdruck wert. Ergebnis, möglicherweise: gäbe es das engste soziale Umfeld nicht, man müsste es dafür erfinden, dass man nicht alleine feiern muss. Eine historische Komponente kommt hinzu: Mit Blick auf das Affektive betrachtet, war die Promotion ‚früher‘ vielleicht lohnender – als der Haushalt noch in Großgruppen jubeln konnte und nicht alles auf die Nuklearfamilie zusammengeschrumpft war (studentischer Gedankengang hierzu: das Atom, der Vater aller Dinge).

Nun gibt es bekanntlich kein richtiges Buch im falschen. Danach zu fragen, wer die ‚Diss‘ lesen soll, wenn sie bei einem der üblichen Häuser erschienen ist, wäre fast schon sadistisch. Gebrauchs- und Tauschwert sind Dinge, die nicht immer zwischen zwei Buchdeckel passen. (Vermutlich ist Deckel nicht mehr der richtige Begriff, schon assoziationshalber: Sargdeckel, auf jeden Topf passt ein Deckel, usw. – heute besser: ‚Broschur‘.) Auf Anklang, externe Begeisterung und sogar ganz ernsthaft auf finanziellen Gewinn zu hoffen mithilfe einer Studie, die selbst bei großzügigster Bewertung kaum je den Horizont des Fachs verlassen wird, das sie zu bereichern verspricht, indem sie sich an vorherigen Bereicherungsversuchen orientiert, wäre Stoff für die Dudendefinition zum Adjektiv ‚naiv‘. Zum Subtext, der im Zuge der Herstellung jener doktoralen Eintrittskarte in die Wissenschaft verinnerlicht wird, gehört nolens volens die Einsicht, dass Schreiben nicht gleich Schreiben ist. Der Kreis der Interessierten bei wissenschaftlichen Büchern, und gerade bei Doktorarbeiten, ist überschaubar, die Leistung innerhalb des beruflichen Feldes gilt als obligatorisch, schlechte Rezensionen sind immer noch besser als gar keine. Von ‚Lesern‘ ist hier eigentlich gar nicht die Rede, angetragen wird das Ganze vielmehr dem ‚System‘. Ab und zu tauchen dann aber doch Arbeiten mit echtem, das heißt in diesem Fall: mit anti-spezialistischem Appeal auf. Manchmal scheint es auch nur so. Ich erinnere mich daran, wie mir eine heute längst im Ruhestand feststeckende Dekanatssekretärin, also eine jener Personen an der wahren Schaltstelle universitärer Macht, vor Jahren, ich muss damals Tutor gewesen sein, berichtete, dass zwar für gewöhnlich soziologische Doktorarbeiten irgendwie weltfremd seien. Gut fand sie nun aber, dass jemand sich für ein so lebensnahes Thema wie Inkontinenz interessiert! Ich fand es schade, dass auf dem Cover der Arbeit tatsächlich das Wort ‚Kontingenz‘ stand. Das missverständlich unterstellte Thema ist vermutlich noch frei.

Mein erstes Mal als Blogger lässt mich, wie einige andere erste Male (genau genommen aber nur sehr wenige) nachdenken. Konkret denke ich nach über das Schreiben eines Textes, der theoretisch direkt beantwortet werden kann. Dann wiederum versuche ich mir einzureden: Wo keine Frage, da auch keine Antwort – oder war es umgekehrt? Beim traditionellen Schreiben fehlen mir solche Skrupel. Man trainiert sie sich ab, wenn man wissenschaftspublizistisch nach der Promotion am Ball bleibt. Die Verlage werden schon wissen, was sie tun, denke ich mir, wenn sie meine Sachen drucken. Die Journal- und Sammelbandherausgeber sind ebenfalls erwachsen genug. Ob tatsächlich jemand etwas mit dem anfangen kann, was nun ausgerechnet ich herausgefunden zu haben glaube, spielt für mich beim Schreiben keine Rolle. Seien wir ehrlich, sage ich zu mir selbst: Entscheidend ist doch in erster Linie, dass man selbst etwas anfangen kann mit dem, womit man etwas anfangen konnte und, im Prozess des Schreibens, nach wie vor etwas anfängt bzw. anstellt. Ich müsste mich ohnehin auf Zitationszahlen, Impact-Faktoren usw. verlassen, wenn ich mich mit der Ressource Anschlussfähigkeit auf handgreifliche Weise beschäftigen wollte. Tja. Lieber wäre es mir, ich könnte das, was ich aufschreibe, direkt als Erfahrung weitergeben – durchaus mit Namens-Credit, aber am besten telepathisch. Leider ist das ein Erkenntnisweg mit gewissen methodologischen Problemen. So bleibe ich vorerst beim Old-School-Verfahren, Buchstaben nebeneinander zu setzen, ins Blaue hinein, den Block diesmal gegen den Blog austauschend, und in der notwendigen Selbstbeschränkung, nun endlich zum Ende zu kommen.

2 Gedanken zu „Schreiben über das Schreiben“

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