Was bedeutet es, wenn Menschen von sich sagen: „Ich bin ein Nerd.“ Was bedeutet es, wenn Menschen über andere sagen: „Er/sie ist ein Nerd?“ Was bedeutet es, von „den Nerds“ im Plural zu sprechen? Mit dieser Frage will ich mich heute genauer auseinandersetzen.
#Exkurs: Sozialfigur# Zunächst aber möchte ich einen kleinen Nachtrag zum ersten Beitrag leisten. Mir ist durch die Kommentare aufgefallen, dass es gut sein könnte, eine genauere Bestimmung des Begriffs „Sozialfigur“ anzubieten. Daher zunächst ein etwas längeres Zitat aus der Einleitung des im letzten Post angesprochenen Buch „Sozialfiguren der Gegenwart“:
„Wirft man einen genaueren Blick auf aktuelle Analysen zu Milieus, Lebensräumen, Subkulturen, Jugendszenen, Subjektivierungsformen oder schaltet man einfach nur den Fernseher ein, so fällt auf, dass wir stets mit einer Vielzahl von Sozialfiguren konfrontiert werden. Vom Flaneur bis zum Spekulanten, vom Fußballfan bis zum Flüchtling, vom Hacker bis zum Migranten – überall stoßen wir auf Typen bzw. ‚Typisierungen‘ (Alfred Schütz), mit denen Ordnung in die Vielfalt der empirischen Erscheinungen gebracht werden soll. Was aber sind Sozialfiguren? Sozialfiguren sind zeitgebundene historische Gestalten, anhand derer ein spezifischer Blick auf die Gegenwartsgesellschaft geworfen werden kann. Sie sind nicht zu verwechseln mit bestimmten Rollen, die der Einzelne im Laufe seines Lebens sukzessive oder auch zu einem bestimmten Zeitpunkt gleichzeitig übernimmt.“ (Moebius/Schroer 2010: 7f.)
Eine Sozialfigur ist also keine Rolle, sondern eher eine in einem bestimmten historischen Zusammenhang virulent gewordene soziale Kategorisierung, die zur Selbst- und/oder Fremdbeschreibung genutzt wird.
Während Rollen wie Schülerin, Vater oder Doktorandin mit Niklas Luhmann auf die Inklusion einer Person in ein bestimmtes Funktionssystem hinweisen (Schülerinnen und Lehrerinnen gibt es im System der Erziehung, Väter im System der Familie, Doktorandinnen im System der Wissenschaft) (vgl. Luhmann 1984), ist die Sozialfigur freier. Sie kann „durch die ganze Gesellschaft vagabundieren“ (Moebius/Schroer 2010: 8) und als Stereotyp wirken. Vielleicht kennen viele Leser*innen Georg Simmels „Exkurs über den Fremden„. Der Text ist für mich das Beispiel für die Beschreibung einer deutungsmächtigen Sozialfigur.
Mehr noch als Rollen, die (zumindest lt. Luhmann) vom Geschlecht abstrahieren können sollen, sind viele Sozialfiguren binär geschlechtlich codiert: man denke nur an die Blondine, den Amokläufer oder eben den Nerd in seiner stereotypen Fassung als technikverliebter Eigenbrödler. An diesem Punkt wird auch deutlich, dass es bei einer Reflexion der Figur des Nerd/der Nerdette nicht darum geht, konkrete Menschen als nerdy zu beschreiben. Es geht vielmehr darum, wann und warum ein Mensch in einer Situation als Nerd/Nerdette beschrieben wird oder sich selbst so beschreibt. (In den Kommentaren zum vorherigen Post findet sich hierfür sehr schönes Anschauungsmaterial in Form von Videos).
Exkurs Ende. #Der Nerd als soziale Adresse Nach dieser sehr langen Vorrede also nun zurück zum Nerd als einer sozialen Adresse. Mich persönlich interessiert dabei besonders, inwiefern die Adressierung als Nerd als Hinweis auf politische Inklusions- und Exklusionsverhältnisse lesbar ist. Das liegt daran, dass mir die Figur des Nerd zum ersten Mal im Zuge der Gründung der deutschen Piratenpartei im Jahre 2009 als Ziel von Spott und Angriffen bewusst geworden ist. Im Kommentar 8 zum vorhergehenden Beitrag formuliert BlogLeserin:
„Vielleicht sind „Sozialkompetenz“ und „Authentizität“ die relevanten Gesellschaftsdimensionen, zwischen deren Extremen diese sozialen Figuren balancieren (Nerd = nicht „sozial kompetent“ / sehr authentisch; Hipster = genau anders herum).“
Ich finde diesen Gedanken sehr hilfreich, da er mir ermöglicht, die Anormalität des Nerd/der Nerdette über die Abgrenzung in den Blick zu nehmen. Der Hipster wäre dann eine sozial sehr angepasste, konforme, normale, ungefährliche Figur. Der Nerd hingegen wäre sozial inkompetent, irgendwie seltsam und in diesem Seltsamsein eine Irritation für Kollektive und jene Agenturen, die über die Anpassung an Normalität(en) wachen; er besäße also ein subversives Potential. (Es liegt auf der Hand, dass man diese Zurechnung eines subversiven Potentials als Romantisierung des Nerd verstehen kann…)
#Der Nerd als das Andere der Politik? Für Kritiken der Netzkultur und der Netzpolitik ist die Diffamierung des Nerd als einem sozialen Autisten „der im Computer wohnt“ ein wichtiges Argument. Der Nerd wird als das Andere der Politik rekonstruiert. Es wird ihm abgesprochen, sich überhaupt für das Kollektiv und die Gesellschaft, die dagegen als Totalität rekonstruiert wird, zu interessieren.
Die Sorge, Jugendliche könnten ihre Zeit „vor dem Rechner“ statt in Gesellschaft realer Menschen verbringen, ist zudem immer wieder Thema gesundheitspolitischer Initiativen. Der überbordende therapeutische Diskurs um „Online-Sucht“ lässt sich in diesem Sinne als Versuch, den anormalen Nerd in die „Gesellschaft der Hipster“ zurückzuholen, interpretieren.
In Ruhe gelassen wird der Nerd/die Nerdette erst, wenn sich so viel ökonomischer Erfolg eingestellt hat, dass eine Kritik am Baller- oder Live-Rollenspiel, an der Computer-Abhängigkeit oder Twittersucht, sich erübrigt. (Ein Doktortitel hilft hierbei übrigens beträchtlich.)
…
Nachtrag: Da ich so viele interessante Kommentare bekommen habe, auf die ich gerne eingehen wollte, ist der oben stehende Beitrag länger, unsystematischer und weniger empirisch als meine Planung vorsah. Im nächsten Beitrag werde ich endlich die Interpretation empirischer Beispiele angehen. Für die Mühe der Kommentierung und die vielen guten Gedanken und Beispiele bedanke ich mich. Bei Twitter findet man mich übrigens als @grautoene.
Literatur:
Niklas Luhmann (1984). Soziale Systeme. Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Stephan Moebius und Markus Schroer (2010) (Hg.). Diven, Hacker, Spekulanten. Sozialfiguren der Gegenwart. Berlin: Suhrkamp.
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