Könnte es sein, dass die Abwehr gegen die Piratenpartei mehr mit deren Nerdiness als mit Sachpolitik und Programmatik zu tun hat? Die harsche und oft recht emotional begründete Ablehnung der für ihr junges Alter doch vergleichsweise braven Partei wunderte mich schon 2009, als etablierte politische und publizistische Akteure erstaunlich heftig gegen sie zu polemisieren begannen. Doch dazu später mehr: Meine These für den heutigen Beitrag lautet, dass die Provokation, die die Piratenpartei für Manche darstellt, weniger in sachpolitischen Fragen oder in der politischen Konkurrenzsituation begründet liegt, als in der nerdiness der Partei.
Es wird heute also weniger um den Nerd und die Nerdette als Sozialfigur gehen als um die Frage, inwiefern Nerdiness im Politischen als Provokation wahrgenommen wird bzw. in diskreditierender Absicht zugeschrieben wird. Als Beispiel soll der Diskurs um das „Genderproblem“ der Piratenpartei dienen. In einem Aufsatz im Sammelband „Unter Piraten“, auf den ich mich im folgenden immer wieder beziehen werde, haben Paula-Irene Villa und ich versucht, diese Debatte zu rekonstruieren und zu interpretieren (Siri/Villa 2012).
Was war geschehen? Ab Ende 2009 gab es eine starke Kritik an den Piraten, die sich an der geringen Zahl weiblicher Mitglieder entzündete. „Gab es solche Männerbünde nicht schonmal?“, fragte die EMMA. Und ein Artikel bei SPON zeichnet unter dem Titel „Jung, dynamisch, frauenfeindlich?“ das Bild von machohaften „Chef-Nerds“. Wiederum in der EMMA zeichnete Gabriele Kämper das Bild einer kindlichen aber nicht minder gefährlichen Jungenspielgruppe, in der die Nerd-Jungs sich als Herren der virtuellen Welt fühlten und sich zart-zwitschern via Twitter verbrüdern:
„Das kommt gut an. Bei den Wählern der Piraten, die überwiegend männlich, jung und gebildet sind, aber auch oft arbeitslos. Die Mischung ist brisant: Junge Männer, die einen Platz in der Gesellschaft beanspruchen, das aber (noch) nicht einlösen können. Da fällt man gern in eine halb regressive, von kindlichen Abenteuerhelden, und halb aggressive, von männlichen Überlegenheitsphantasien geprägte Haltung zurück.“
Zwei Männer- oder „Jungs“-Bilder werden in diesem Beitrag entworfen: Erstens jenes des tendenziell arbeitslosen und ortlosen, suchenden Jungen, zweitens das eines aggressiven und verspielten Nerd-Jungen, der sich anhand technischer Prothesen zum Herr der Welt aufschwingen will.
In einem Artikel der Journalistin Alexandra Borchardt, ebenfalls für die EMMA, erzählt diese eine Geschichte, in der die beiden Bilder zu verschmelzen scheinen. Hierzu ein längeres Zitat (Kursivierungen durch JS).
„Während aber in der Mathematik jeder zweite Studienanfänger weiblich ist, lehnen viele Frauen gerade die Informatik ab. Nicht, weil ihnen die Arbeit keinen Spaß macht, wenn sie diese denn einmal ausprobieren. Sondern weil sie sich scheuen, von Männern umringt zu sein, „die im Computer wohnen“, wie dies die Informatik-Professorin Sissi Closs formuliert. Viele Mädchen erleben den Nerd als eher langweiligen, ein bisschen kontaktgestörten Typen, der bis spät in die Nacht vor dem Bildschirm sitzt – auch wenn er nicht mehr Gesundheitslatschen, sondern piratisch-korrekt Kapuzenpulli trägt. Der Unterschied ist nur: Früher hätte so einer Briefmarken gesammelt oder Züge der Bundesbahn katalogisiert, heute hingegen zieht der eine oder andere in Weltkonzernen die Fäden, neuerdings – siehe Piraten – auch in politischen Parteien.“
Der Nerd sei ein für Frauen unattraktiver und langweiliger Mann, so der Tenor der Passage – auch wenn er keine Gesundheitslatschen mehr trage. Früher hätte so einer Briefmarken gesammelt, heute leite er Konzerne. Paula-Irene Villa und ich haben danach gefragt, weshalb derart diffamierende Beschreibungen von Männern benutzt werden, um berechtigte und notwendige Kritik an Sexismus und mangelnder Gendersensibilität vorzutragen: „Mit R.W. Connell gesprochen, entspräche das Klischee des Nerds einer marginalisierten Männlichkeit (Connell 2006). (…) Sie ergibt sich aus der Entgegensetzung zur Negativfolie der (echten?) hegemonialen Männer, die grölen, Waffen tragen, Alkohol trinken, und alles andere als poetisch oder zart sind.“ (Siri/Villa 2012: 154)
Feminist*innen kämpfen seit Generationen dafür,dass Frauen nicht attackiert und diskriminiert werden. Besonders wichtig war hierbei – und ist immer noch – die Kritik an medialen Darstellungen, die Frauen als willige Projektionsfläche für Machtphantasien darstellen. Dazu gehört die Sensibilisierung für alle Praktiken, die einen „perfekten“, sexuell attraktiven und immer willigen Frauenkörper konstruieren. Angesichts dieser kritischen Tradition ist es erklärungswürdig, dass Feministinnen auf das Bild eines „unmännlichen Mannes“ zurückgreifen, um politisch einen Punkt zu machen.
Erklären lässt sich dies vielleicht damit, dass die Piratinnen und Piraten politische Sehgewohnheiten irritieren. Nicht nur, weil sie so besonders provokante Inhalte verträten, sondern aufgrund von Selbstbeschreibungen, die für das Politische bisher unüblich sind und die sich teilweise aus der Netzkultur speisen. Es scheint, als entstünden diverse Übersetzungsprobleme, wenn diese netzkulturellen Kommunikationen im politischen System beobachtbar werden:
Ein erstes Beispiel hierfür wäre die Freude an scheinbar infantilen Bildern und „Verkleidungen“, die sich aus der meme-Kultur speist (vgl. Siri/Villa 164f.). Wer nicht weiß, was der Ursprung von cat content ist (vgl. hierzu Reißmann, Stöcker & Lischka 2012, Kap. 1) , kann die Ausstrahlung von My little Pony auf Piratenkonferenzen fast nur albern finden. Schnell folgt dann das Urteil, ein Vorgang sei kindisch und „gar nicht wirklich politisch“. (Dazu passt sehr schön dieser Blogbeitrag von Jörg Blumtritt).
Als zweites Beispiel kann die ’nerdlogische‘ Scheu vor generalistischem Besserwissen genannt werden. Diese zeigt sich daran, dass Expert*innen im Liquid Feedback, der Plattform, auf welcher die Piratenpartei ihre Entscheidungen vorbereitet, viele Stimmen auf sich vereinen können aber auch in für Medien unbefriedigenden Antwort von Piraten-„Officials“, in einem Punkt nicht für die Partei, sondern nur für sich sprechen zu können oder gar zu einem Sachverhalt keine Meinung zu haben. Niklas Luhmann hat in seinem Text über die Politik im Wohlfahrtsstaat (1981) beschrieben, wie das Politische mit systemfremden Ansprüche überhäuft werde. Dem Politischen werde eine Allzuständigkeit verordnet, die dieses nicht einlösen könne. Aus dieser Allzuständigkeit leitet sich die Performance des allwissenden und nie um eine Antwort verlegenen Politikers ab, die die Piratinnen und Piraten bis dato deutlich konterkarieren (siehe auch Nachtrag c unten).
„Als Einzelgänger und Außenseiter sowie Sammler von Spezial-Wissen und dessen Profanierung markiert der Nerd ursprünglich das Nicht-Verwertbare, Ungeordnete, Nicht-Kommunizierbare. Über die Netzkultur und die Sehnsucht nach Hipster-Innovation rückt er jedoch bei Nerd-Nights, in der Populärkultur oder als organisierter Dilettant in der Piratenpartei in den Mittelpunkt der Aufmerksamkeit und die Mitte der Gesellschaft, kommuniziert, performt virtuos und wird kommunizierbar“ schreiben Bromley et al. (2013).
Laut Luhmann besteht die Aufgabe der Politik darin, kollektiv bindende Entscheidungen zu treffen (Luhmann 2002). Armin Nassehi hat dies dahingehend ergänzt, dass es nicht nur um die Herstellung von Entscheidungen gehe sondern auch darum, ein Kollektiv (zum Beispiel ein Volk) herzustellen, dem diese Entscheidungen überhaupt zugerechnet werden können (Nassehi 2006: 345). Ich denke mithilfe dieser Hinweise kann man verstehen, wieso die Piratenpartei für viele etablierte Akteure eine solche Provokation darstellt. Denn wieso sollten sich ausgerechnet Außenseiter und Einzelgänger für die Produktion von Kollektivität zuständig fühlen?
#Nachtrag#
(a) Ein drittes und ebenfalls sehr spannendes Beispiel, dass auch in diversen Kommentaren schon angesprochen wurde, ist die Irritation von genderstereotypen Politikperformances durch nerdiness. Ich würde gerne eigens dazu einen Text schreiben, weshalb ich es oben ausgespart habe. Für all die guten Kommentare bedanke ich mich sehr und werde versuchen, alle Hinweise in den kommenden Posts zu verarbeiten.
(b) Worum es mir oben nicht ging, war eine soziologische Auseinandersetzung mit der Piratenpartei. Wer sich hierfür interessiert, kann einen Blick in eine aktuelle Studie der Otto-Brenner-Stiftung werfen. Die Autoren Alexander Hensel und Stephan Klecha zeichnen ein aktuelles und ausführliches Bild der jungen Partei. Interessante Selbst- und Fremdbeschreibungen liefert auch der Band „Die Piratenpartei – Alles klar zum entern?“ (bloomsbury 2011)
(c) (9.5.,21:32: *Blogempfehlung* Diesen Link über den Kulturschock „Piratenpartei“ habe ich auch im Blog Memetic Turn von Benedikt Köhler und Jörg Blumtritt gefunden. Die Lektüre lohnt sich sehr, weil er ganz wunderbar zeigt, wie die oben beschriebenen Übersetzungsprobleme und Irritationen zustande kommen.
#Literatur#
Bromley, Anna et al. (2013), Ankündigungstext zu „Die Irregulären“, Berlin: NGBK.
Luhmann, Niklas (1981), Politische Theorie im Wohlfahrtstaat, München: Olzog Verlag.
Luhmann, Niklas (2002), Die Politik der Gesellschaft, Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Nassehi, Armin (2006), Der soziologische Diskurs der Moderne, Frankfurt/M.: Suhrkamp.
Reißmann, Ole, Stöcker, Christian & Lischka, Konrad (2012), We are Anonymous. Die Maske des Protests. München: Goldmann.
Siri, Jasmin & Villa, Paula-Irene (2012), Piratinnen – Fehlanzeige Gender?, in: Bieber, Christoph & Leggewie, Claus (Hg.), Unter Piraten. Erkundungen in einer neuen politischen Arena, S. 144-171.
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