Akademische Abschlussarbeiten sind akademische Abschlussarbeiten. Keiner schreibt sie gerne, keiner liest sie gerne. Manchmal gibt es aber auch Ausnahmen. Das sind dann Sternstunden der akademischen Lehre.
Vor einiger Zeit bekam ich eine solche Diplomarbeit auf den Tisch. Ihre These lautete kurzerhand: Die Soziologie arbeitet mit einem normativen Jugendbegriff. Sie kann deshalb andere Formen, dieses Lebensalter zu durchschreiten, nur als Modernisierungsdefizit verstehen, weshalb sich letztlich ein Assimilierungskonzept dahinter verbirgt. Die Soziologie verstellt sich damit den Blick auf soziale Wirklichkeit.
Das ist eine steile These, schauen wir uns die Begründung an. Die Autorin der Diplomarbeit, Havva Yilmaz, rekonstruiert zunächst die drei bekannten Generationslagen türkisch-stämmiger Migranten in Deutschland: die erste Generation wanderte bis 1973 ein, die zweite kam im Zuge der Familienzusammenführung oder wurde in Deutschland geboren, lebte aber noch in einem türkisch geprägten Horizont mit der Rückkehr-Option. Die dritte Generation dagegen hat Deutsch als Muttersprache, selbst keine Migrations-, sondern eine Zuweisungserfahrung: „Du hast Migrationshintergrund“.
Die problematische Definition dieses Begriffes wird kurz angerissen, um dann auf eine erste Pointe hinzuarbeiten: Der 2. Generation schreibt die gängige Forschungsliteratur ein Dilemma zwischen familiären Traditionen und der deutschen Umwelt (Bildungsinstitutionen, peer groups, Medien) zu. Sie leiste hier einen Spagat, für den sich das Bild der „zwei Kulturbeutel“ eingebürgert hat.
Havva Yilmaz argumentiert anders. Für sie ist „Kultur“ kein fixes Set an Werten, Normen und Kulturgütern, sondern eine subjektive Sinnleistung des Subjekts. Wörtlich: „Der Mensch ist nicht allein Kultur-Träger, sondern an erster Stelle Kultur-Stifter.“ Das heißt aber, dass sich die Integration verschiedener Sinnwelten im alltäglichen Handlungsvollzug als Sinnleistung immer schon ergibt. Kinder etwa entwickeln ihre ganz eigene Strategie, mit Gegensätzen produktiv umzugehen, und sei es im Genießen der Vorzüge von Freiheit und Bindung im jeweiligen sozialen Kontext.
In der Tat ist es schwer erklärbar, warum, sagen wir: ein Szenengänger zwischen seiner Arbeit als Fachangestellter und der Leipziger Gothic-Messe nicht ebenso viel Vermittlungsleistung erbringen muss, Eltern zwischen den gänzlich unterschiedlichen Welten von Beruf und Familie. Und sie alle kommen damit zurecht, ohne dass man einem Finanzmakler, der zu Hause großzügig ist und seine Kinder beim Taschengeld nicht übers Ohr haut, gleich einen Kulturkonflikt mit Assimilationsproblematik unterstellen müsste. Das moderne Rollengefüge bringt also für jeden die Aufgabe der sozialen und sinnhaften Integration mit sich, ob er migriert oder nicht.
Hier kann man der Autorin nur zustimmen: Jeder Mensch hat nur einen Kulturbeutel, aber der kann nach sozialen Situationen sehr Unterschiedliches enthalten. Das konnte nur eine Wissenschaft vergessen, die sich entschlossen hat, über „Gesellschaft“ Einheit, über „Kultur“ dagegen Differenz zu deklinieren.
Die zentrale These ihrer Arbeit entfaltet Havva Yilmaz jedoch an der 3. Generation. Bei ihr wird „erfolgreiche Integration“ oft „der Rückwendung ins Traditionale“ gegenübergestellt. Man stellt sich dann gerne weibliche türkische Jungunternehmer auf der einen, Salafisten auf der anderen Seite vor – als ob das die Alternative sei. Zu fragen wäre vielmehr, ob es sich nicht um eine „Vorwendung“ ins Traditionale handelt, die beide Typen dann gleichermaßen möglich macht. Wie das?
Zunächst behauptet die Verfasserin: Für die 3. Generation habe sich das soziale Umfeld soweit stabilisiert, dass familiäre Netzwerke im Gegensatz zur 2. Generation nun ein großes, gleichsam sich selbst tragendes soziales Umfeld böten. Vor diesem Hintergrund sei es verständlich, dass die Mitglieder dieser Generation gerade im Blick auf das Umfeld der verwandtschaftlich ausgedünnten „deutschen Normalfamilie“, aus der Cousins und Cousinen weitgehend verschwunden sind, ihre eigene Familie als eine zentrale Ressource begreifen. Die „Ablösung von der Herkunftsfamilie“ sei für sie kein Ziel der individuellen Genese.
Und genau hier kommen die „genç“ ins Spiel. Das Wort wird ins Deutsche mit „jung“ oder „junger Mann“ übersetzt und meint eben nicht eine Lebensphase „Jugend“, sondern eine Altersgruppe. „Der genç wird im engen Kontext der türkischen Familie und Gemeinschaft auf die Erlangung des Erwachsenenstatus hin erzogen und sozialisiert. Das Erziehungsziel besteht nicht vorrangig in seiner psychischen und sozialen Ablösung von der Familie, da durch den Erwachsenenstatus dem genç die aktive Teilhabe an der Gemeinschaft (sic!) ermöglicht wird.“
Und hier zeigt sich ein signifikanter Unterschied im Erziehungsstil. Während in türkischen Familien das Senioritätsprinzip, d.h. die Achtung vor den Älteren, eine zentrale Stellung einnimmt und die Verschiedenheit der Rechte wie der Lebenssphären konstituiert, sind die „Entwicklungsaufgaben“, wie sie die jugendsoziologischen Lehrbücher (Hurrelmann etwa) präsentieren, für deutsche Jugendliche inzwischen so billige Ware, dass der Anreiz fehlt, das Jugendalter zu verlassen: Man hat ja schon frühzeitig alle Möglichkeiten. Die genç dagegen ließen sich mit diesem soziologischen Begriff des „Jugendlichen“ nicht fassen.
Nun könnte man bei solchen Gegenüberstellungen meinen: Aha, wir haben es mit einer Kulturalistin zu tun. Das ist aber nicht so, den die Verfasserin begreift das Phänomen genç eben nicht als „spezifisch türkisch-tradtionalen Erziehungsstil“, sondern als die eigentlich kulturelle Leistung der 3. Generation von Migranten aus ihrer sozialen Lage heraus, kurz: als einen Prozess der Ethnogenese, wie er sich typischerweise gerade nicht in den „Stammgesellschaften“ von Migranten abspielen kann, sondern nur an der Peripherie, die im Kontakt mit anderen Lebenswelten die eigene kreativ verändert. Wir sehen hier das Muster einer Integration ohne Assimilation (B > A = B’ + A), wie es klassische Einwanderungsgesellschaften schon immer auch aufzuweisen hatten (Extremfall: Mennoniten in den USA und Kanada). Damit sprengen die genç die Generationsfolge: Es ist nicht zu erwarten, dass die 4., 5. oder 6. Generation wesentlich andere Muster ausbilde. Eine neue Gruppe habe sich ethnisch stabilisiert.
Die Tragweite solcher Überlegungen zeigt sich, wenn man sie auf andere Phänomene überträgt. Wir wissen schon lang, dass der spezifische Ehrgeiz und die familiäre Unterstützung (man könnte auch sagen: der Druck von Tigermüttern) asiatische Einwanderer in ihren Bildungskarrieren vergleichsweise erfolgreich macht. „Bloß nicht zu viel Integration“ titelte in diesem Zusammenhang die FAZ. Die Gülen-Bewegung kopiert dieses Aufstiegsmuster mit ihren Schulen und ihrer Familienpolitik. Wir wissen auch, dass hispanische Einwanderer in die USA sich dann erfolgreich etablieren können, wenn sie in einem stabilen familiären Verband migrieren. Das Konzept der „Pluralisierung von Familienformen“, das schon immer nicht nur analytisch, sondern auch gesellschaftspolitisch gemeint war, kommt damit freilich unter Druck. Sicher: Familie ist, wo Kinder sind. Aber auch: Erfolgreiche Kinder sind, wo Familie ist, und das in einem sehr „traditionellen Sinn“ – wobei man dieses Adjektiv vielleicht besser durch „struktur-funktionalen“ Sinn ablösen sollte.
Spannend, die starke Orientierung an den Herkunftsfamilien auch auf deutsche Eliten (und Unterschichten) zu übertragen: Bei Adeligen war die „Lösung von der Familie“ noch nie Erziehungsziel, und auch die Clans der deutschen Großindustriellen pflegen (bei allem Streit, mit Simmel: wegen allem Streit, der unter Erben auszubrechen pflegt), doch eine deutlich stärkere Gemeinschaftsbindung. Zu fragen wäre also, ob unsere Jugendsoziologie wieder einmal einen typischen Mittelschichtsbegriff zum universalen Fortschrittsmuster erklärt hat („Gesellschaft löst zunehmend Gemeinschaft ab“), wo sozialer Aufstieg erst durch die Lösung von der Herkunftsfamilie möglich war. Wenn das so sein sollte, dann müsste man auch umgekehrt die Frage stellen, ob nicht die besondere Bindung an die Familie unter bestimmten Konstellationen erfolgreicher sein kann, wenn etwa die Konkurrenz um begehrte Posten so groß geworden ist, dass primär über soziales Kapital selektiert wird; dann ist Aufstieg ein Kollektivphänomen, nicht individuelle Leistung, die Differenz zwischen meritokratischem Ideal und empirischer Beobachtung in bestimmten Statusgruppen würde sich auflösen. Die Politik, Chancengleichheit über Bildungsinstitutionen durch Entmachtung der Familie herzustellen („Migrantenkinder in die Krippe“), bekäme dann ein leicht absurde Note.
Damit wird deutlich, welche Herausforderung das Phänomen „genç“, sollte es hier richtig beschrieben sein, an die gängigen Theorien von Moderne und Modernisierung stellt. Es könnte nämlich sein, dass wir in ihnen nur unsere eigene Kultur futurisch essentialisieren. „Kultur“ nicht verstanden als Set, sondern als Sinnmuster, die aus spezifischen sozialen Lagen heraus entstehen und diese wieder verstärken, stabilisieren, aber auch verändern können.
Ein zusätzliches Problem tut sich hier auf, das am Ende der Diplom-Arbeit auch angesprochen wird: die soziale Wirksamkeit soziologischer Analysekategorien selbst. Indem die Shell-Studien „Jugend“ empirisch analysieren, ihre Ergebnisse in Theorien aufgegriffen und diese dann wiederum in Lehrbücher umgesetzt werden, prägen sie auch die Vorstellung von dem, was „eine richtige Jugend“ ausmacht. Aus der analytischen Beschreibung durch Wissenschaft wird eine soziale Konvention. Protest gegen die Eltern, pubertäre Aufstände etc. gehörten „zur Jugend“, und wenn sie ausbleiben, weil durch den juvenilen Lebensstil der Eltern und die Dauerverhandlungshaushalte alle Konflikte schon im Sinne der Jugendlichen gelöst sind, dann kann man bei vielen Eltern schon eine Besorgnis beobachten, wie im klassischen Elternwitz: Dem Kleinkind nur deshalb einen Teller Spinat vorsetzen, damit er den Eltern einmal ins Gesicht geprustet werden kann – „eine wichtige Erfahrung“. Und tut das Kind das nicht, weil der Spinat schmeckt, dann wartet bereits der Therapeut. Ähnliches ist beim Dauerbrenner „erster sexueller Kontakt“ schon lange Effekt soziologischer Erhebung, die allein durch ihre Publikation einen Normdruck aufbaut.
Soziologische Theorie sollte diese Rückkoppelungseffekte immer im Blick haben, ohne sie jemals ausschalten zu können – und das Thema „genç“ ist keine Ausnahme. Entscheidend ist deshalb, dass man die Kategorien möglichst flüssig hält und sie eben nicht in imaginierten (oder erhofften) Entwicklungslogiken einmauert – der einen oder der anderen Seite.
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