„Meine Arbeitsgruppe publiziert so viel“, beklagte sich neulich ein Ökonom, „aber wir merken, dass die Kollegen das gar nicht mehr lesen.“ – Wie könnten sie auch, die sind ja alle mit Schreiben beschäftigt. Und gerade Ökonomen sollten über eine Theorie verfügen, die das Phänomen erklärt: Inflation.
Das Problem betrifft nicht allein die Ökonomie: Weil im Wissenschaftssystem die Konsumenten immer zugleich auch Produzenten sind, gibt es eine beinharte intra-personale Konkurrenz um das wirklich knappe Gut: die Zeit. Gegenwärtig gewinnt die Produktion, weil alle Anreizsysteme auf sie eingestellt sind. Wir alle sind deshalb Chinesen und überschwemmen die Märkte mit billigen Texten. Die Umweltkosten sind hoch: die Fortschrittsfähigkeit unserer Disziplinen steht auf dem Spiel. Wir brauchen dringend eine Strategie für qualitatives, nachhaltiges Publizieren.
Jede Literaturliste am Ende eines Aufsatzes dokumentiert, was der Autor gelesen hat. Der Sinn diese Dokumentation besteht darin, anzuzeigen, welcher Kenntnisstand in die Studie eingegangen ist, auf dem aufbauend sie neue Erkenntnisse gewonnen hat. Anders formuliert: die Literaturliste ist der Fortschrittsindikator. Dahinter verbirgt sich allerdings die völlig ungeklärte Frage, ab wann man einen Text „gelesen“ hat, das soll hier heißen: seinen Inhalt rezipiert und so weit verstanden, dass man, mit eigenen Gedanken anknüpfend, auf ihn aufbauen kann.
Profis, d.h.: im Wissenschaftssystem Sozialisierte, pflegen hier einen eigentümlichen Umgang mit Texten. Sie sind Meister im Diagonallesen, im schnellen Herausfischen der relevanten Stellen. Den Rest des Textes kann man sich dann schenken, „man kennt das ja schon“ oder „das interessiert mich nicht“. Dieses virtuose Surfen auf den Textwellen ist an sich ein legitimes Verfahren. Es führt allerdings auf eine schiefe Ebene: Kann ein Text auch dann als „gelesen“ gelten, wenn man nur die zentrale These herauspickt, den Rest (Beweisführung, belegendes Material, bei empirischen Studien Methodik etc.) aber nicht zur Kenntnis nimmt? Bei Aufsätzen ja, bei Monographien nein? Und bei Sammelbänden? Ist es legitim, nur das Abstract zu lesen, und dann darf man den Aufsatz zitieren? Bei Monographien: nur den Klappentext? Oder müssen es mindestens Inhaltsverzeichnis, Einleitung und Schlussteil sein?
Wie auch immer, mit diesen Überlegungen sind wir ganz dicht am rein registrierenden Lesen, dessen zentraler Akt aus der Aufnahme der bibliographischen Daten besteht. Und Hand aufs Herz: Wer jetzt missbiligend den Kopf schüttelt, frage sich doch einmal, ob er in 10, 20 Jahren wissenschaftlicher Arbeit noch nie einen Titel angeführt hat, der nur registriert, aber eben in keinerlei Weise „gelesen“ war. Der Autor dieser Zeilen gehört nicht zu denen, die dann den ersten Stein werfen.
Lesen und Schreiben müssen also bei seriöser wissenschaftlicher Arbeit in einem angemessenen Verhältnis stehen. Aber was ist angemessen? Etwa: Wer genauso schnell schreibt, wie liest, darf nur den 60. Teil seiner Arbeitszeit mit Schreiben verbringen, wenn seine Literaturliste 60 Titel umfasst? Bei solchen Fragen geht es nicht um abstruse Beckmesserei, sondern um den Sinn der Sozial- und Geisteswissenschaften (und auch der Naturwissenschaften, aber das bedürfte einer ausführlichen wissenschaftstheoretischen Begründung): Schreiben wir nicht einfach permanent alles um und bezeichnen das dann als „Fortschritt“? Sind wir, wie Nietzsche formulierte, einfach nur „später“, aber nicht „weiter“?
Für jemanden, der sich nur ein bisschen in der Wissenschaftsgeschichte auskennt, ist das déjà-vu-Erlebnis Gähnalltag bei der Lektüre von aktuellen Zeitschriften: Kenntnis der Sekundärliteratur schützt vor Entdeckungen, und es gibt eben immer mehr Sekundärliteratur. Alle, die erst Bourdieu benötigten, um den „Habitus“ zu entdecken, hätten vorher einmal die Anti-Kritiken Webers zur Protestantischen Ethik lesen sollen. Die Lektüre so mancher Artikel, die vor rund 100 Jahren geschrieben wurden, kann dagegen wahre Erkenntnisfeuerwerke auslösen (als Beispiel empfehle ich: Karl Vossler, Sprechen, Gespräch und Sprache, in: Deutsche Vierteljahresschrift für Literaturwissenschaft und Geistesgeschichte, 1, 1923, S. 665-678).
Um das Problem verdeutlichen zu können, habe ich mir einmal die Literaturliste eines x-beliebigen sozialwissenschaftlichen Aufsatzes in einer angesehenen Fachzeitschrift aus dem Jahrgang 2013 vorgenommen. Sie umfasst 81 Titel, davon – themenbezogen – wenige Monographien und Sammelbände, viele Zeitschriftenartikel, manchmal nur wenige Seiten lang. Ich habe alle Titel, bei denen sich die exakten Seitenzahlen rekonstruieren ließen, addiert und komme auf die stolze Summe von 3.241 „gelesenen“ Seiten.
Daran angeschlossen habe ich einen Selbstversuch: einen Aufsatz, der mich durchgängig interessiert hat, wirklich gelesen, vom ersten bis zum letzten Wort, mit Exzerpt (Experimente sind dann reliabel, wenn sie nachvollzogen werden können, weshalb ich hier für alle Nachtester die bibliographischen Angaben nenne: es handelt sich um Alois Hahns Aufsatz „Kontingenz und Kommunikation“, in: O. Marquard / G. v. Graevenitz (Hg.), Kontingenz, Poetik und Hermeneutik Bd. XVII, München 1998, S. 493-521). Ich habe für die 28 Textseiten exakt 1 Stunde und 18 Minuten gebraucht. Ich habe mich in dieser Zeit nur aufs Lesen konzentriert, keine Email beantwortet, keinen Tee gemacht, das Telefon abgestellt, nur einmal Holz im Kaminofen nachgelegt.
Wenn ich dieses Zeitbudget nun hochrechne, dann würde ich für die 3.241 Textseiten 9.028 Minuten benötigen, also rund 150 Stunden reine Lektüre. Nehmen wir weiter an, der Autor des besagten Durchschnittsartikels liest einfach schneller als ich, weil er weniger nachdenken und exzerpieren muss (oder weil seine Texte im Vergleich zu Alois Hahns Arbeiten, sagen wir: unterkomplex sind), und er benötigt nur 120 h Lesezeit für diese Textmenge, so braucht er bei einem normalen wissenschaftlichen Arbeitstag von 10 h immerhin noch 12 Arbeitstage, um das alles zu lesen. Dabei bringt ihm ein Hiwi die Texte an seinen Schreibtisch (oder die Datenbanken seiner Bibliothek auf den Bildschirm), er hat keine Lehrveranstaltungen, ist von Gremiensitzungen völlig befreit, muss keine Tagungen organisieren oder Korrespondenzen unterhalten, seine Frau hat nicht Geburtstag, seine Kinder werden nicht krank (besser hat er beides nicht) – er kann also die freie Zeit völlig zur Erholung für den konzentrierten Leseprozess nutzen.
Jeder prüfe doch bitte einmal realistisch an seinem Alltag, wie viele Tage er braucht, um sich eine solche Literaturliste wirklich zu „erlesen“. Dann zähle man die Tage hinzu, die man benötigt, um einen Aufsatz von, in diesem Fall: 35 Druckseiten zu verfassen – und man hat die seriöse wissenschaftliche Arbeitsfähigkeit errechnet. Wer mehr schreibt oder in seinen Literaturlisten angibt, als diese ganz persönliche Kennzahl ausweist, arbeitet folglich unseriös.
Aber Herr Albrecht, so höre ich schon den zentralen Einwand, man erarbeitet sich doch im Laufe seines wissenschaftlichen Lebens einen Fundus, den man immer wieder zitieren kann! Der Autor Ihres Artikels ist doch ein Fachmann auf seinem Gebiet, er hat das alles nicht erst im Vorfeld dieses Aufsatzes gelesen, sondern schon lange vorher! – Sicher, antworte ich dann, aber genau das ist ja der zweite Mechanismus, der die Textmengen aufbläht: die Sekundärverwertung. Sicher kann man einen einmal gelesenen Text im Lichte eines neuen Problems, einer neuen Fragestellung noch einmal neu interpretieren. Wer aber zum fünften oder sechsten Mal einen Text zitiert, frage sich, ob er ihm wirklich etwas Neues abgewonnen hat, oder ob das, was er gerade schreibt, nicht schon längst in einem eigenen alten Text steht, kurz: Selbstzitat ist.
Diese Zweitverwertung von Erkenntnissen hat sich heute zu einem System von Publikationsstrategien ausgeweitet, die schon jenseits der Grenze zum unsittlichen Verhalten liegen. Jeder Redakteur einer wissenschaftlichen Zeitschrift kann ein Lied davon singen, wie nötig es ist, bei eingesandten Manuskripten erst einmal zu recherchieren, ob der Autor das nicht längst irgendwo auf dem globalen Markt publiziert hat. Ganze Dissertationen werden kapitelweise der sekundären Verwertung zugeführt, was man einmal auf Englisch publiziert hat, wird nun auch in die Herkunftssprache übersetzt (man weiß ja nicht, ob auch alle Englisch lesen), und positivistisch ausgerichtete Disziplinen pflegen inzwischen die Unsitte, einen Gedanken aus einer empirischen Studie in vier Teilgedanken aufzuteilen und in unterschiedlichen „Journals“ zu „plazieren“. Kein Wunder, dass man für solche Strategien dann quantitative Indikatoren braucht – einen anderen Gehalt als eine Kennzahl haben die Texte nicht mehr. Wer wollte freiwillig so etwas lesen? Es lohnt nicht.
Das alles ist nicht das Ergebnis eines wunderbaren Wachstums sich ausdifferenzierender Fächer, die jede Wissensgesellschaft dringend braucht, sondern nicht-intendierte Folge einer politisch gewollten Bewertungspraxis wissenschaftlicher Arbeit, die aufgrund ihrer Unkenntnis der Inhalte auf quantitative Faktoren setzt: die Anzahl der Publikationen (der Drittmittel, der peer-review-Zeitschriften etc.) entscheidet über die Qualität. Als man der Anzahl durch solche Bewertungspraxen erzeugter Schriften nicht mehr Herr wurde, begrenzte man Angaben zuerst auf „die wichtigsten Publikationen aus den letzten fünf Jahren“ – als ob alles, was der Autor davor geschrieben hat, nun nichts mehr wert sei (Klassiker und Standardwerke bleiben damit unberücksichtigt), und heute auf das idiotischste aller Bewertungsverfahren, den Impact Faktor. Eine solche Bewertungspraxis begünstigt systematisch Hochstapelei und Schaumschlägerei. (Als ich den Blog zu diesem Thema schrieb, war mir das ganze Ausmaß dieses Übels noch nicht bekannt. Ich hatte in letzter Zeit so viel ins Schreiben investiert, dass mir der grundlegende Artikel von Christian Fleck im Leviathan, 41, 2013, S. 611ff entgangen war.) Auf diesem Schleichweg zieht das naturwissenschaftliche Verständnis eines kumulativen Erkenntnisfortschritts auch in die innere Organisation der Sozial- und Geisteswissenschaften ein. Erst in den letzten Jahren beginnt die DFG, ganz vorsichtig umzusteuern.
Ich habe schon oft mit Kollegen und Kolleginnen über dieses Problem diskutiert. Alle sind sich einig, dass hier ein bedeutender Missstand vorliegt, und die Phantasie zu seiner Behebung kennt keine Grenzen: Ein verstorbener Altmeister der Soziologie schlug vor, jedes Manuskript für ein Jahr in einen Panzerschrank zu schließen, es dann dem Autor erneut vorzulegen, verbunden mit der Frage: Willst Du das wirklich publizieren? (er rechnete noch mit Gewissen und Scham als anthropologischen Konstanten). Andere meinen, man sollte nur Manuskripte akzeptieren, die mit Schreibmaschinen verfasst wurden. Das garantiere mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit den Ausschluss der üblichen paste & copy-Publikationen. Eine Erfolg garantierende Lösung schlug ein anderer Kollege vor: Die Anzahl der Personen, die publizieren, radikal einzuschränken: ein Viertel der heute arbeitenden Soziologen, Psychologen, Literaturwissenschaftler produziert auch nur ein Viertel der Texte. Das diene dem Fortschritt der Wissenschaft am ehesten.
Aber im Ernst: Wir brauchen dringend best-practice-Regeln, die die Erarbeitung von Ergebnissen wieder in ein angemessenes Verhältnis zur ihrer Dokumentation setzen, Lesen und Forschen zum Schreiben. Über die Einzelheiten kann man streiten, hier nur Vorschläge für ein paar Richtlinien:
- Wir brauchen einen einigermaßen verbindlichen Standard, ab welchem Kenntnisgrad ein Text als „gelesen“ zitiert werden darf.
- Die verbreitete Unsitte, aus jeder Konferenz oder Ringvorlesung möglichst sofort einen Tagungsband zu machen, sollte abgestellt werden. Vorträge dürfen nur dann publiziert werden, wenn sie mindestens drei Mal in unterschiedlichen Zusammenhängen diskutiert wurden, Manuskripte, die nicht vorgetragen wurden, gar nicht zur Publikation angenommen (Lexika- und Handbuchartikel ausgenommen).
- Die in Naturwissenschaften (und solchen Disziplinen, die sich dafür halten) üblichen Team-Publikationen sollten wissenschaftsethisch geächtet werden. Wer als Autor über einem Text steht, sollte nachweislich eine gekennzeichnete Passage verfasst und nicht nur irgendwie betreut haben.
- Lange Publikationslisten sollten Mitglieder von Berufungskommissionen nicht beeindrucken, sondern misstrauisch machen. Sie sind nur in wenigen Einzelfällen Ausdruck einer besonderen Produktivität, ansonsten aber Ergebnis von Sekundärverwertung und mangelnder Rezeption des Kenntnisstandes. Lange Publikationslisten in jungen Jahren einer akademischen Karriere deuten auf unseriöses Arbeiten hin. Das Argument: er hat viel publiziert, sollte ersetzt werden durch: er hat Gutes publiziert. Und wer das unbedingt operationalisieren möchte: Folgenreiches.
- Die Anreizsysteme in der Wissenschaft sollten generell nicht nur auf einen Teil der wissenschaftlichen Arbeit ausgerichtet sein, die Publikation von Ergebnissen, sondern umfassender auf den wissenschaftlichen Arbeitsprozess. Dazu sind aber quantitative Indikatoren völlig ungeeignet, weil sie seiner Komplexität nicht gerecht werden. Wie wäre es, wenn jede wissenschaftliche Publikation künftig von einem Blog begleitet wird, auf dem die Leser ihre Erkenntnisse und Einsichten sammeln und mit dem Autor diskutieren? Blog-Beiträge können die Rezeption genauso dokumentieren wie die Wirkung der Publikationen, und zwar qualitativ: sie sind ein funktionales, wissenschaftsadäquates Äquivalent für den Impact Faktor. Blog-Protokolle verdichten Informationen über die Qualifikation des Autors wie des Lesers in einer Weise, die viel seriöser als jede Kennzahl Grundlage von Entscheidungen sein kann, etwa über Berufungen. Auch sie können strategisch missbraucht werden, aber dazu bedarf es wenigstens der Kartellbildung.
Ich schlage deshalb vor, dass die DGS zur Bekämpfung der oben benannten Fehlentwicklungen, der Inflationierung der Texte, best-practice-Regeln des wissenschaftlichen Arbeitens aufstellt, die geeignet sind, die reine Anzahl der Publikationen zugunsten ihres Gewichtes und ihrer Wirkfähigkeit zu reduzieren. Wir sollten uns auch in der Wissenschaft vom typischen Produktionsmodus der Schwellenländer lösen: keine Stofflöwen aus Plastik für Jahrmärkte erzeugen, sondern wertebeständige Hochtechnologie.
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