Es ist mehrfach die Frage angeklungen, wie es mit dem Verhältnis von Wissenschaft und Nationalsozialismus aussieht. Eine gängige Interpretation war lange Zeit, dass Wissenschaftler und Disziplinen, die sich dem „Dritten Reich“ angedient hatten, den Boden der Wissenschaft verlassen haben. In der Soziologie wurde gar bestritten, dass es das Fach zwischen 1933 und 1945 überhaupt gegeben habe, bis Soziologiehistoriker diesen Mythos zerlegt haben. In der Geschichtswissenschaft hat diese Frage Ende der 1990er Jahre zu hochemotionalen Auseinandersetzungen zwischen älteren und jüngeren Historikern, den Schülern und „(Ur-)Enkeln“ geführt.
Ein gewichtiges Problem ist sicherlich das Ausmaß der Beteiligung von Wissenschaftlern an der Diktatur (dass kaum einer von Ihnen wirklich Widerstand geleistet hat, dürfte mittlerweile auf der Hand liegen). Eine zweite Frage ist, inwieweit wissenschaftliche Standards gebrochen wurden. Eine dritte, und die interessiert mich nach meiner Beschäftigung mit Historikern, Sozialingenieuren und Rassenanthropologen, ist die, wie es praktisch allen Professionen gelungen ist, sich 1933 in das „Dritte Reich“ hinein zu schmiegen, ohne die eigenen professionellen Ansprüche aufzugeben, und sich 1945 wieder davon zu schleichen, ohne Schaden zu nehmen, obwohl sie dem Regime zugearbeitet haben. Jede Profession opferte einen oder zwei der Ihren, denen alle Verfehlungen aufgeladen wurden: Carl Schmitt, Leni Riefenstahl, Walter Frank, Josef Mengele usw. Bei den Historikern besagt der bedrückende Befund, dass nicht diejenigen aus der Zunft ausgestoßen wurden, die sich politisch schuldig gemacht hatten, sondern diejenigen, die ihre Karriere mit Hilfe des Regimes — und gegen die Aufstiegsregeln im Fach — beschleunigen wollten. Darüber wurde unerbittlich Buch geführt, das wurde nicht verziehen, politische „Irrtümer“ schon.
Man wird davon ausgehen können, dass der professionelle Habitus in allen Disziplinen derart tief verankert war, dass die Standards im „Dritten Reich“ nicht gebrochen wurden, von wenigen Ausnahmen abgesehen. Die meisten Professionen sind 1933 gerade nicht „abgestürzt“, sondern haben auf hohem methodischen Niveau weitergemacht. Umgekehrt wissen wir mittlerweile, dass dem Regime an ideologiefreier, harter Expertise sehr gelegen war, so dass eine ideale Symbiose entstand: Wissenschaftler und Experten konnten ihre Arbeit ungestört fortsetzen und sogar radikale Phantasien verwirklichen, weil das Regime hemmende Schranken beseitigte und Ressourcen bereitstellte. Dafür bekam es, was es für seine immer brutalere Kriegs- und Vernichtungspolitik benötigte: valide Daten und Planungen. Und da liegt der Knackpunkt. 1945 konnten sich praktisch alle Professionen guten Gewissens darauf berufen, allein „der Sache“ gedient und sich aller Politik ferngehalten zu haben. Alle waren sie unpolitische Experten oder Wissenschaftler gewesen. Mitgliedschaft in Partei oder SS, Mitarbeit in Erbgesundheitsgerichten oder am berüchtigten „Generalplan Ost“: Zwang, Camouflage, der Wille, das Schlimmste zu verhindern oder rein sachliche Detailarbeit ohne Blick für das Ganze. Die Experten dienten der Sache, die Politik hatte ihre Arbeit missbraucht, allenfalls hatte man sich vorzuwerfen, zu spät aufgewacht zu sein. Von Kollegen aus dem westlichen Ausland bekamen sie Persilscheine, die ihnen genau das bestätigten.
Diese Form der Selbstentlastung funktionierte erschreckend gut. Noch Albert Speer — der hatte als ehemaliger Rüstungsminister immerhin 20 Jahre im Gefängnis gesessen (während andere NS-Schwerverbrecher schon in den 1950er Jahren wieder freigekommen waren) — bescherte mit diesem Modell seinen Memoiren seit Mitte der 60er Jahre hohe Auflagen (lesenswert dazu ist Joachim Fests Buch über sein zunehmendes Entsetzen, als er merkte, wie moralisch entleert der eigentlich „gute [weil bürgerliche] Nazi“ Speer gewesen ist). Oder Leni Riefenstahl, die in einem Dokumentarfilm über die Ästhetik ihrer Bilder marschierender SS-Stiefel schwärmte und partout nicht einsehen wollte, dass das mehr gewesen ist als bloß Kunst.
Ich glaube denen sogar. Riefenstahl ist eine geniale Regisseurin gewesen, ideal für die Propaganda des NS, und Speer ein exzellenter Techniker, der geholfen hat, den Krieg deutlich zu verlängern. Die „Sache“ ist derart erfolgreich von der „Politik“ abgespalten worden, dass die Experten die Symbiose mit der Politik nach 1945 erfolgreich als Übermächtigung deuten konnten. Selbst die Opfer scheinen daran geglaubt zu haben, zumindest legt das ein Brief, den ich gefunden habe, nahe. Der Eugeniker Otmar Freiherr von Verschuer hatte als Gutachter einen greisen Geheimrat rassenkundlich begutachtet, der kam daraufhin ins KZ. In einem Persilschein dankte dessen Tochter von Verschuer. Der habe rein wissenschaftlich gearbeitet und sei ihrem Vater gegenüber so gütig gewesen, im Gegensatz zu den sadistischen Nazis des Sippenamtes. „Wäre es nach Herrn von Verschuers Bemühungen gegangen, wäre mein Vater niemals in Theresienstadt ums Leben gekommen“. Wir dürfen vermuten, dass von Verschuer den Geheimrat zweifellos entlastet hätte, hätte er keine „minderwertigen“ Rassenanteile entdeckt. Er hat eben gütig und objektiv Anfragen des Regimes bearbeitet. Hätte er eventuell auf die Idee kommen sollen, das Gutachten — zu fälschen?! Gemerkt hätte es vermutlich niemand. Von einer moralischen Position her könnte man so denken, von einer professionellen offenbar nicht. Das zeigt, dass der tiefe Glaube an (wissenschaftliche) Objektivität politisch/moralisch geradezu verheerende Effekte haben kann.
PS: Die Dortmunder Sozialforschungsstelle fungierte nach dem Krieg als Auffangstelle für politisch kompromittierte Soziologen (Freyer, Ipsen, Jantke u.a.), die eine Reihe aufwendiger betriebs- und stadtsoziologischer Studien initiierten. Die sind heute noch lesenswert: teilnehmende Beobachtung am Arbeitsplatz und in den Ledigenheimen, lange Interviews mit den Arbeitern und Bewohnern, eine außerordentlich kritische Durchleuchtung der Verhältnisse. Das Unbehagen der Arbeiter an den bestehenden Zuständen wird ausführlich referiert, Ergebnis ist stets: Vermeintlich stumpfsinnige Arbeit wird als selbstbestimmt erfahren, ein harter Kern von 30% der Arbeiter steht zur herrschenden Ordnung und in den Mietskasernen der Großstädte entsteht „Gemeinschaft“. Kein Grund zur Sorge also, Kulturpessimisten haben unrecht, Kommunisten keine Chance. Die Mannesmann-Studie des Frankfurter Instituts für Sozialforschung dagegen (berichtete Rolf Wiggershaus) kritisierten sie als zu sozialharmonisch. Wenn man nur die Vorarbeiter in gemütlichen Büros befrage, erfahre man nichts über die wahren Ansichten der Arbeiter. Verkehrte Welt: affirmative Soziologie mit brauner Vergangenheit ist gesellschaftskritischer als die „Kritische Soziologie“?
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