All this talk of getting old – Ein Kommentar zu Technik und Care

Wie wird das bloß alles werden, wenn wir mal alt sind? Nicht erst seit gestern denken Forscher_innen darüber nach, wie in Zukunft das immer stärker technisierte und digitalisierte Leben hier in unseren post-industriellen, westlichen Gesellschaften aussehen könnte. Einerseits sind Entwicklungen, die unter das Buzzword Industrie 4.0 fallen, die die Arbeits- und Produktionsbedingungen deutlich zu verändern vermag und das Internet der Dinge in die Industrie trägt, ein wichtiger Faktor. Nicht nur sind industrielle Geräte mit einem Netzwerk verbunden, um überwacht und gesteuert zu werden, sie können auch weitgehend autonom handeln. Sie erkennen das Werkstück und dessen Verarbeitungszustand ebenso oder bekommen von diesem die relevanten Informationen drahtlos kommuniziert, wie den Zustand und die Position des nächsten Geräts in der Kette und der menschlichen Akteur_innen in der Produktionshalle. Ein Laplacescher Dämon lässt sich erahnen. Auch auf Baustellen sind vielleicht bald entsprechend vernetzte, selbstständig arbeitende Gerätschaften zu beobachten.
Stimmen sind hier naheliegend, die eine Gefährdung von Arbeitsplätzen durch Roboter befürchten. Selbst Schulunterricht könnte von Automaten ersetzt werden, die ihrerseits im Lernen begriffen sind. Erste Berechnungen über die Automatisierbarkeit von Berufsklassen und alarmierende Risikobeurteilungen, dass diese durch Maschinen ausgetauscht werden würden, gibt es auch schon länger. Infografik: Passiv im sozialen Netz | Statista
Protestbewegungen, ähnlich, wie sie zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts in Form der Maschinenstürmer Gestalt annahmen, sind indes nicht zu beobachten. Warum, darf an dieser Stelle gefragt werden? Vielleicht, weil die Digitalisierung der Industrie mit der Digitalisierung des Alltags eng verknüpft ist und letzterer bei aller Skepsis, Snowden-Affären, social media-Kritik usw. die damit einhergehenden Bequemlichkeiten, an die wir uns gewöhnt haben, subjektiv affektiv mehr ins Gewicht fallen? Es bedarf hier sicherlich noch weiterer Forschung. Unklar scheint auch, wie die Bereitstellung von Inhalten im Web 2.0, welches treibender Motor für die Digitalisierung des Alltags und nicht nur für Big Data ist, in Zukunft ablaufen wird. Das Ende des user generated content, also der Inhalte im Netz, die nicht von professionellen Redakteur_innen erzeugt werden, scheint zum Greifen nah, wenn die Nutzungsstatistiken verschiedener social media-Kanäle betrachtet werden. Wird also das Internet zwar von vielen benutzt und bevölkert, aber nur von wenigen gestaltet werden? Welche Auswirkungen wird das auf das Internet der Dinge haben? Der Einfluss des technologischen Fortschritts auf Care ist auch (noch) ziemlich unkonkret, doch dazu später gleich mehr.

Längst sind vernetzte Geräte und Gadgets im Haushalt angekommen. Von der Mikrowelle und der Glühbirne, deren Farbe und Helligkeit per App gesteuert werden kann, dem Türschloss mit Internetanbindung, dem smarten Kühlschrank, der selbstständig verbrauchte Lebensmittel nachbestellt und Smart Cars, deren Bordcomputer mit dem Internet verbunden sind und per App ferngesteuert werden können – all das und noch viel mehr ist schon heute möglich. Auch hier scheint eine gewisse Vorsicht, gerade bei Geräten, die sicherheitskritisch oder lebensgefährdend, wie bei einem Fahrzeug, angezeigt. Denn eine Verbindung ins Netz sollte immer auch eine Sicherung des Systems gegen unberechtigten oder unerwünschten Zugriff beinhalten, eine Firewall, möchte man meinen, was wohl aber bei Weitem noch wohl nicht immer zutrifft. Nicht nur deswegen rangiert hacking schon als zukünftig noch deutlicher gefragte Schlüsselkompetenz, wie sich auch in der IT-Ausbildung wiederspiegelt.

Längst preisen auch Hersteller ihre Produkte mit einem prognostizierten Nutzen für die, mit Verweis auf den Demographischen Wandel, wachsende Käufer_innen-Schicht der Senior_innen und deren soziales Nahfeld an: Der smarte Kühlschrank beispielsweise kann die Verwandten direkt informieren, wenn über einen gewissen Zeitraum keine Nahrungsmittel mehr entnommen wurden, so dass man entsprechend die älteren Verwandten, bei denen das technische Wunderwerk steht, nun besorgt kontaktieren kann. Ein Schritt mehr zur sich nicht kümmernden Gesellschaft? Oder eine andere Form von Fürsorge? Betrachten wir allein den Aspekt der Altenpflege als Teil von Care, auch wenn wir damit der breiten Debatte keineswegs gerecht werden können, so zeigt sich, dass auch hier die Digitalisierung bereits Früchte trägt.

 Care-O-bot 4 Pressefotos Quelle: Fraunhofer IPA, Foto: Rainer Bez (2015)
Care-O-bot 4 Pressefotos
Quelle: Fraunhofer IPA, Foto: Rainer Bez (2015)

Nicht nur der Demographische Wandel und technologische Innovationen, auch die höhere Lebenserwartung und die steigende Multimorbidität und damit einhergehender Pflegebedarf sowie der Trend zur stationären Pflege und Versorgung älterer Menschen befeuern die Entwicklung von neuen Technologien in diesem Care-Sektor. Hervorzuheben wäre hier beispielsweise das Fraunhofer-Institut für Produktionstechnik und Automatisierung (IPA) in Stuttgart, wo an unterstützenden Lösungen für ältere Menschen, von der Notfallerkennung bis zum Care-O-bot geforscht wird. Letzterer wird seit den 90er-Jahren des vergangenen Jahrhunderts als Roboterplattform für den Einsatz im Haushalt entwickelt, wo er unterstützend tätig sein soll, beispielsweise beim Transport von Essen oder der Zubereitung desselbigen. Als „elektronischer Butler“ wird der Care-O-bot in der personifiziert. Durch Zuschreibung von „sozialen Rollenbildern“ und menschlichen Charaktereigenschaften, welche dank Gestik und Mimik transportiert werden sollen, wird diese Maschine „zuvorkommend, freundlich und sympathisch wie ein Gentleman [sic!]“ (IPA 2015). Eine Pantomime wird hierbei durch das kopfartige, geneigte, runde Touch-Display oben auf der modularen Systembasis realisiert. Zwei leuchtende Kreise signifizieren ein Augenpaar, Lautsprecher und Mikrofone sind seitlich darunter angebracht. Nicht nur diese Mimik erinnert entfernt an HAL aus 2001 A Space Odyssey.

Doch auch außerhalb der eigenen vier Wände sind Visionen neuer technologischer Produkte in der Mache.

Starship
Starship Technologies PR 2015

Neben der Entwicklung von Assistenzsystemen, die bei der Pflege unterstützen, gibt es Visionen autonom fahrenden Transportroboter des britisch-estnischen Startups Starship Technologies, die schon kommendes Jahr für den Transport kleiner, alltäglicher Güter auf unseren Gehwegen zuständig sein sollen, Dronen, die dasselbe in der Luft erledigen wollen – das alles klingt nach Science Fiction und ist doch nur wenige Jahre entfernt.

Flyeye
Fleye, PR 2015

Diese kleine Umschau ist nun natürlich bei weitem nicht vollständig oder abschließend. Es werden noch weitere Technologien unseren Alltag weiterhin durchdringen – wer kann sich zum Beispiel schon heute noch ohne Messenger-App zu einem Treffen verabreden? Heißt das nun, dass schon unsere Eltern ihren Lebensabend bald zwischen Maschinen und bar unvermittelter sozialer Interaktion verbringen werden? Marianne Tolar warnt in ihrer Studie zu Assistiven Technologien im Auftrag des Österreichischen Bundeskanzleramtes (2008) davor, dass die Betreuungssituation mehr in eine isolierende münden kann und die Technologie soziale Interaktion zu ersetzen drohe. Ziehen wir wiederum die Abschätzungen der Automatisierbarkeit von Gesundheits- und Krankenpflegekräften hinzu, so ist diese vergleichsweise hoch: Ohne Spezialisierung, aber auch mit komplexen, spezialisierten Tätigkeiten wird mehr als jede zweite Person voraussichtlich durch eine Maschine ersetzt werden.

 

Es scheint ein unumkehrbarer Weg zu mehr Technik zu sein, der seit der europäischen Aufklärung uns bestimmt zu sein scheint. Nicht nur Assistenzsysteme, auch der Alltag aller und auch von Senior_innen wird zunehmend technisiert und digitalisiert. Doch gerade dieser Abschnitt gegen Ende des Lebens, der zwischen dem Autonomieanspruch, das eigene Leben selbstständig leben zu wollen und dem Ruf der Fürsorgeverantwortung durch Angehörige, erweist sich als spezifisch, um weitere Erkenntnisse zu Care und unseren Vorstellungen als Gesellschaft erarbeiten zu können.

Sind Senior_innen wirklich unglücklich, wenn sie mit ihren Smartphones im Internet unterwegs sind oder Roboter beim Gemüseschälen helfen, oder sind es deren Angehörige? Sind es nicht vielmehr auch unsere Rollenvorstellungen, die das hohe Alter und entsprechend konformes Verhalten aller Interaktionspartner_innen, die diese Vorstellung irritieren? Wie kompatibel zu gesellschaftlich zunehmendem Pflegebedarf und -verantwortung gestalten wir denn unsere Lebens- und Karrierewege?

Geht es bei Technik im Feld Care nicht vielmehr um die Eröffnung von Handlungsoptionen, wie die Wiedererlangung von Bewegungsfähigkeiten und damit Nobilität, Deutungsspielräumen und Teilhabe?

Darum interessiert sich das Teilprojekt 3 des Forschungsclusters ForGenderCare für „Die Rolle einer gender- und diversityorientierten Technikentwicklung bei der Teilhabe von Seniorinnen und Senioren im demografischen Wandel“.

Darin fragen wir unter anderem danach, welche Methoden und Möglichkeiten der Partizipation von, diversen, älteren Menschen an der Gestaltung von Technik sinnvoll und nützlich sind. Und davon ist eine Vielzahl vorhanden: Von traditioneller sozio-demographischer Marktforschung zu psychosozialen Assessments und User Inclusion-Workshops bis zu Open innovation-Netzwerken.

 

Dr. Yves Jeanrenaud hat Soziologie, Gender Studies und Medienwissenschaften in Basel und Tübingen studiert. Seine Promotion schloss er an der Technischen Universität München ab zum Thema „Engineers‘ Parenting – Zum Verhältnis von Ingenieurinnen und Ingenieuren zu Elternschaft“. Er arbeitet an der Professur Gender Studies in den Ingenieurwissenschaften unter anderem im Teilprojekt 3 des Forschungsclusters ForGenderCare „Die Rolle einer gender- und diversityorientierten Technikentwicklung bei der Teilhabe von Seniorinnen und Senioren im demografischen Wandel“. Forschungsschwerpunkte sind unter anderem Gender-Theorie, Geschlechterdifferenz und Erwerbsarbeit, Familiensoziologie und Biographieforschung.

 

Autor: ForGenderCare

Der Forschungsverbund ForGenderCare untersucht den Zusammenhang von Gender (Geschlecht) und Care (Fürsorge) theoretisch wie empirisch vor einem interdisziplinären Horizont. Dem bayerischen Forschungsverbund ForGenderCare gehören 12 Projekte an unterschiedlichen Forschungsstandorten in ganz Bayern an. Die Sprecherinnen des Verbunds ForGenderCare sind Prof. Dr. Barbara Thiessen (HAW Landshut) und Prof. Dr. Paula-Irene Villa (LMU München). Die LMU München ist Sprecheruniversität des Verbundes, die Geschäftsstelle ist dem Lehrstuhl Prof. Villa an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der LMU zugeordnet. Der Verbund wird gefördert durch das Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst und gehört dem der Bayerischen Forschungsallianz BayFor an.

2 Gedanken zu „All this talk of getting old – Ein Kommentar zu Technik und Care“

  1. Vielen Dank für diesen Artikel. Auch wenn es nicht zum Projekt gehört, greife ich eine Anmerkung von dir auf, da sie mich zuletzt selbst beschäftigte.

    Was ist eigentlich die Intention von Technisierung? Das ist doch vordergründig nicht, Arbeiter*innen zu entlassen, sondern Wachstum zu generieren, oder?
    Du schreibst: „Stimmen sind hier naheliegend, die eine Gefährdung von Arbeitsplätzen durch Roboter befürchten.“ und, dass Protestbewegungen derzeit nicht zu beobachten wären. Das glaube ich auch. Aber warum ist das so und warum kursieren diese Befürchtungen? Traten überhaupt mal ein, was befürchtet wurde? Die deutsche Bevölkerung ist während der Industrialisierung stets gewachsen. Was geschah mit der Arbeitslosigkeit?

    Ist es vielleicht so, dass der technische Fortschritt am Ende fast komplett ins Wachstum „abfließt“ und gar keine (oder nur sehr wenige) Menschen den Arbeitsplatz verlieren? Gewendet auf dein Projekt: Investiert man jetzt auf Seiten der Pflegeanbietenden in die Roboterisierung, um einfach nur mehr alte Menschen „abfertigen“ zu können und die Pflegenden müssen gar keine (große) Angst haben ihren Arbeitsplatz zu verlieren? Freilich haben Politik, Wirtschaft und Wissenschaft (!) da auch noch andere Interessen an so eine Investition.

    Wenn ich den älteren Menschen nun auch noch unterstelle (ist das legitim?), dass sie sich vielleicht gar nicht so offen gegenüber dieser Entwicklung zeigen: Vermehrt dies dann Anstellungen von Live-Ins?

    1. Diese Frage nach der Intention der Technisierung hat unter anderem schon Marx umgetrieben. Die spezifisch kapitalistischen Produktionsverhältnisse führen zu fortschreitender Technisierung und fortschreitender Substitution der menschlichen Arbeitskraft als Arbeits- und Produktionsmittel durch ein System sich ergänzender Werkzeugmaschinen. Die Intention wäre also bei Marx somit die Wertschöpfung, sprich Gewinnmaximierung.

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