Männer*[1], Männlichkeiten, Gesundheit und Care

Frank Luck

 

Wann ist Mann* ein Mann*? Was haben Männer*, Vorstellungen zu Männlichkeiten und Gesundheit sowie Care miteinander zu tun?

Im folgenden Beitrag[2] möchte ich versuchen, einzelne Aspekte aus eigener Forschung mit Männern* im mittleren Lebensalter zwischen 30 und 60 Jahren an der Schnittstelle von Geschlecht, Gesundheitshandeln und Care zu skizzieren, zu reflektieren und zu überlegen, welches mögliche Potenzial sich daraus für gesellschaftliche Diskussionen ergeben könnte. Denn gerade im Kontext der dynamischen Entwicklungen zur Corona-Pandemie, erscheint es für gesellschaftliche Debatten wertvoll zu überlegen, wie dieses Verhältnis ist: Wie sieht der Umgang von Männern* mit Gesundheit aus? Welche gesellschaftlichen Vorstellungen gibt es und wie handeln Männer* im Alltag? Zunächst möchte ich kurz beschreiben, mit welchem Verständnis ich zu Männern* sowie Männlichkeiten arbeite und dann auf Gesundheit und Care eingehen. Meine Ausführungen in diesem Blog möchte ich in Anlehnung an Adorno (2018) als etwas Provisorisches und Unabgeschlossenes verstanden wissen und damit zu einer freundlich-offenen Diskussion einladen.

Männer*

In diesem Beitrag werden Männer* als eine Form geschlechtlicher Möglichkeiten mit unterschiedlichen Selbstverständnissen und Praxen verstanden. Aktuelle Forschungsergebnisse zeigen: Männer* sind keine homogene Geschlechtergruppe (vgl. de Visser, 2019; Faltermaier, 2018; WHO – Regional Office für Europe, 2018). Vielmehr können sich ihre Lebensbiografien, ihre aktuellen Lebensumstände und konkreten Lebenssituationen sehr unterscheiden (Griffith, Bruce & Thorpe, 2019).

 

Männer*, Männlichkeiten und Gesundheit

Weltweit besteht ein „Gender Gap“ (Kirby, Kirby & Farah, 2002, S. 11) in der Lebenserwartung und Sterblichkeitsrate zwischen geschlechtlichen Gruppen von Männern* und Frauen* (WHO, 2019). Die Ursachen in der unterschiedlichen Lebenserwartung werden vor allem in Bezug auf das Gesundheitsverhalten, die Erwerbssituation und die soziale Situation gesehen (vgl. Faltermaier, 2018).

Zur Erklärung des Gesundheitsverhaltens bei Männern* werden in jüngerer Zeit zunehmend Zusammenhänge zwischen Gesundheit und Männlichkeit in den Blick genommen (vgl. Krumm et al., 2017; Oliffe et al., 2013). Bezogen auf den Umgang mit Gesundheit im Alltag bedeutet dies, Männer* handeln nicht (umgangssprachlich) ‚von Natur aus‘, weil sie Männer* sind (vgl. Luck, 2016), sondern sie stellen Männlichkeit auch über ihren Umgang mit Gesundheit erst her (z.B. über den Umgang mit Schmerzen, vgl. Wehner et al., 2015). Der Einbezug von Geschlecht als relevante soziale Kategorie in den Gesundheitswissenschaften und die Perspektive, Gesundheitshandeln als ein vergeschlechtlichtes und vergeschlechtlichendes Handeln anzusehen, geht auf verschiedene sozialwissenschaftliche Forschungsrichtungen und damit verbundene theoretische Konzeptionen zurück: die Frauen*gesundheitsforschung und die Männer*- bzw. Männlichkeits- und Geschlechterforschung. Am folgenreichsten ist Connells Konzeption ‚hegemonialer Männlichkeit‘ (Connell, 2015). Hegemoniale Männlichkeit ist demzufolge sowohl über die Abgrenzung zu ‚Weiblichkeit‘ als auch in Abgrenzung zu anderen „untergeordneten“, „komplizenhaften“ oder „marginalisierten“ Männlichkeiten definiert (vgl. Connell, 2015, S. 131–135). Hier können z.B. folgende Männer* genannt werden: homosexuelle Männer* oder Männer*, die Aspekte hegemonialer Männlichkeit nicht darstellen, aber von der gesellschaftlichen Vormachtstellung des Mannes* profitieren (Stichwort „patriarchale Dividende“, Connell, 2015, S. 133) sowie Männer* mit ‚Migrationshintergründen‘/Migrationsbiografien, men of color und Männer* mit einem niedrigeren sozioökonomischen Status. Es gibt gemäß Connells Konzept (2015) verschiedene Männlichkeiten, weshalb die Pluralform verwendet wird. Als zentrales Elemente von hegemonialer Männlichkeit gelten die Aspekte ‚weiß‘, ‚heterosexuell‘, ‚stark (sein)‘‚ ‚berufszentriert‘ sowie ‚Familienernährer‘ (vgl. Wehner et al., 2015). Hegemoniale Männlichkeit weist auf ein normatives Ideal hin, an dem sich Männer* zur Herstellung und Absicherung von Männlichkeit orientieren (müssen), das aber nur wenige Männer* repräsentieren (können). Was als hegemonial männlich gilt, ist historisch und gesellschaftlich-kulturell variabel und somit Wandlungsprozessen unterworfen (vgl. Connell, 2015; Maihofer, 2007).

 

Wann ist ein Mann* ein Mann*?

In der bürgerlichen Gesellschaft wird der Mann* zum Mann*, indem er den Nachweis bringt, sein Leben selbst gestalten zu können. Hierzu gehören zahlreiche Wortschöpfungen, die deutlich werden lassen, über welche Eigenschaften sowie Fähigkeiten das moderne ‚männliche‘ Subjekt“ (Maihofer, 1995) verfügen sollte: z.B. ‚Selbstbewusstsein‘, ‚Selbstdisziplin‘, ‚Selbstführung‘ und ‚Selbstverbesserung‘ (vgl. Foucault, 2007, 2015). Es ist eine Herrschaft über sich und gleichzeitig ein Unterwerfen seiner selbst, gerade in Bezug auf die Disziplinierung und Beherrschung seiner Gefühle und der Zurückweisung sozialer Bindungen (vgl. Bourdieu, 2005; Maihofer, 1995). Die Entstehung bürgerlich-kapitalistischer Gesellschaften ist von Anfang an damit verbunden, dass Macht, Herrschaft und Subjektwerdung zusammenhängen. In der bürgerlichen Gesellschaft erlangt und bestätigt der Mann* demnach ‚seine Männlichkeit‘ durch die ‚Verkörperung‘ von ‚männlich‘ codierten Praxen in Bezug auf das Denken, den Umgang mit Gefühlen und der Arbeit mit dem ‚Körper‘. Diese Praxen sind kennzeichnend für das Verhältnis zu sich selbst als auch zu dem verortet sein in der Welt. Aus einer gesellschaftstheoretischen Perspektive wird zudem deutlich, wie aktuelle Männlichkeitsnormen ein zentraler Aspekt der bürgerlich-kapitalistischen Gesellschafts- und Geschlechterordnung sind. Diese Art, als Mann* zu existieren hat sich im 18. Jahrhundert als Teil der Selbststilisierung der bürgerlichen Klasse etabliert und im Verlauf des 19. und 20. Jahrhunderts als Norm durchgesetzt (vgl. Maihofer, 2014).

Die Normen hegemonialer Männlichkeit werden aber zunehmend von Männern* selbst hinterfragt. Dabei finden sich Beschreibungen und Reflexionen wie z.B. vom „[…] Mythos der Maskulinität […] und warum er toxisch, ja tödlich ist“ (Urwin, 2018, S. 2) oder dem Buch von Bola: „Sei kein Mann. Warum Männlichkeit ein Albtraum für Jungs ist“ (Bola, 2020). Die beiden Autoren versuchen, die Bilder zu Männern* und Männlichkeit über das Verständnis einer binären Geschlechterordnung hinaus zu erweitern. Gesellschaftlich setzt sich „[…] die männliche Herrschaft nicht mehr mit der Evidenz des Selbstverständlichen durch […]“ (Bourdieu, 1997, S. 226). Sie wird hinterfragt, muss begründet und gerechtfertigt werden. Gemäß Lengersdorf & Meuser ist die „[…] Flexibilisierung von Männlichkeiten […] begleitet von einer Diskursivierung, in der Männlichkeit den Status des fraglos Gegebenen verliert und reflexiv wird. Auffallend ist die zeitliche Koinzidenz der Diskursivierung von Männlichkeit und der Durchsetzung des globalen Neoliberalismus“ (Lengersdorf & Meuser, 2017, S. 40).

 

Männlichkeit und Gesundheit — Potenziale von ‚Freiheit‘ und ‚Zwang‘ unter den derzeitigen Bedingungen des Neoliberalismus

In der eigenen empirischen Forschung (Luck, 2021) zeigt sich, dass unterdessen nun mehr nicht nur Frauen* die Verantwortung für Gesundheit und Wohlbefinden zugeschrieben wird. Die Maßnahmen zur Gesundheitserhaltung (z.B. Care-Maßnahmen) sind nicht länger nur Teil von Weiblichkeit, sondern ebenso bedeutend für die alltägliche Re-Produktion von Männlichkeit. Das Kümmern um Gesundheit sowie Wohlbefinden steht dabei nicht im Widerspruch zu Vorstellungen von ‚männlicher Selbständigkeit und Autonomie‘, sondern zeichnet geradezu ein leistungskonformes ‚Mann* sein‘ unter den derzeitigen Bedingungen des Neoliberalismus aus. Dieses ‚Sorgen um sich‘ kann dann als ‚Selbstauftrag‘ verstanden werden, der aber persönlich nicht als ‚Zwang‘ interpretiert wird, sondern als ‚vermeintliche Freiheit‘ in Form eines sich um sich ‚sorgen‘ zu dürfen.

Gesundheit und Männlichkeit und was mit diesen verbunden ist, sind beide demnach von einer Vorgabe zu einer Gestaltungsaufgabe geworden (vgl. Kickbusch & Hartung, 2014; Meuser, 2007). Dieses mit der (theoretischen) Möglichkeit, sich ‚in Freiheit‘ für eine sich selber entsprechenden Selbstverwirklichung entscheiden zu können. ‚Der Zwang‘ besteht darin, dass zwar der Weg nicht vorgegeben ist, aber das Ziel eines Subjektes von ‚gesunder Männlichkeit‘ (Interviewpartner Herr R.) hingegen schon, Es zeigt sich, wie auch Dinges konstatiert: „Gesundheitsförderndes Verhalten ist zu einem Kernbestand moderner Selbstsorge geworden – ob als Selbstermächtigung, Biopolitik oder Selbstzwang sei dahingestellt“ (Dinges, 2016, S. 929). Die Ergebnisse meiner Forschung lassen erkennen, wie die von Dinges aufgeführte Frage nach den Aspekten von „Selbstermächtigung, Biopolitik oder Selbstzwang“ (Dinges, 2016, S. 929) vielmehr kein Entweder-Oder darstellen, sondern miteinander zusammenhängen und ineinander verwoben sind.

Gesundheitsvorstellungen sowie Praxen im Alltag weisen Ambivalenzen und Widersprüchlichkeiten auf. Während die einen Männer* sich rigide auferlegen, die Anforderung zu erfüllen, fit für den Arbeitsmarkt zu sein, setzen sich andere Männer* in kritische Distanz zu diesen Anforderungen. Sie reduzieren ihr Arbeitspensum, um durch eine ihnen entsprechende Lebensweise eine Work-Life Balance herzustellen. Für sie ist Gesundheit soziale Praxis (vgl. Hanses, 2012) und der konkrete Umgang mit Gesundheit ist Teil veränderter Gesellschaftsbedingungen, indem die Befragten nun Potenziale von ‚Freiheit‘ und ‚Zwang‘ thematisieren, sich aktiv um ihre Gesundheit kümmern zu dürfen bzw. zu müssen. Im Fokus derzeitiger Diskussion stehe vor allem eine Vorstellung „von der Gesundheit als aktiver Lebensgestaltung und Lebenslust“ (Kickbusch & Hartung, 2014, S. 18). Als Grund hierfür wird u. a. das Engagement von „sozialen Bewegungen wie die Frauenbewegung und die Gesundheitsbewegung sowie die zunehmende Anerkennung der ganzheitlichen Medizin und nicht zu vergessen: die Ottawa Charta für Gesundheitsförderung“ (Kickbusch & Hartung, 2014, S. 18) gesehen. Die Dynamisierung von ‚Gesundheit‘ ist einerseits Konsequenz einer agency zugunsten geschlechtlicher und lebensweltlicher Kontexte. Andererseits ist sie Folge der Dynamisierung gesellschaftlicher Ordnungsstrukturen aufgrund des Rückzugs des Staates mit dem Ziel einer ‚Verantwortungslogik‘ des Subjektes. Um das zu erreichen, sollen die Subjekte Gesundheitsarbeit leisten und ‚ihren Körper‘ für ein ‚besseres Leben‘ bearbeiten. Das Kümmern um Gesundheit kann als „Kapitalakkumulation“ (Bourdieu, 2012, S. 229f.) verstanden werden. Gesundheit ist somit nicht mehr länger Idealvorstellung eines Zustandes (vgl. dazu die WHO-Gesundheitsdefinition, 1946), sondern vielmehr Ergebnis (vgl. Schnabel, 2015) einer selbstverantwortlichen ‚gesunden Lebensführung‘.

Bei einem Verständnis von Gesundheit, dass sie nicht selbstverständlich gegeben ist, sondern aktiv hergestellt werden muss, kann diese auch als eine Anforderung und ein Auftrag an Männer* verstanden werden. Mit diesem Verständnis ist ebenfalls verbunden, nicht nachzulassen, sondern Gesundheit als fortwährenden Prozess zu verstehen, der einerseits ein dynamisiertes Subjekt (erst) hervorbringt und andererseits flexible Praxen zum Umgang mit Gesundheit einfordert. Mit dem Begriff dynamisiert verbinde ich die Vorstellung von einem Subjekt, das ‚aktiviert‘ und zugleich ‚flexibel‘ in Bezug auf sich selbst und zu gesellschaftlichen Entwicklungen agiert sowie reagiert. Es geht nicht nur um ein aktives Tun für die eigene Gesundheit, sondern auch um ein Anerkennen gesellschaftlicher Realitäten. Folglich ist ein ‚dynamisiertes Subjekt‘ auch eine Person, die sich dem gesellschaftlichen Gegebenen anpasst und sich darauf einstellt. Die entsprechenden Praxen zeigen sich, indem Mann* für seine Gesundheit ‚selbst sorgt‘. Dieses ‚Sorgen um sich‘ kann als Selbstauftrag verstanden werden, der aber persönlich nicht als ‚Zwang‘ interpretiert wird, sondern als ‚vermeintliche Freiheit‘ in Form eines sich um sich ‚sorgen‘. Gesundheit wird damit zu einem ‚Produkt‘, das erarbeitet werden muss (vgl. Kickbusch & Hartung, 2014; Kühn, 1993; Schnabel, 2015). Gesundheit wird – wie ausgeführt – damit zum Leistungsausweis. Es geht für das Subjekt darum, die gesellschaftlichen Anforderungen zu verstehen, anzunehmen und Gesundheit als ‚Mittel zum Zweck‘ zu interpretieren, um fit zu sein, z.B. für den Arbeitsmarkt im globalisierten und flexibilisierten Kapitalismus unserer Zeit (vgl. Lengersdorf & Meuser, 2017; Lenz, Evertz & Ressel, 2017).

Vor dem Hintergrund der Entwicklung hin zu einer Gesellschaft, in der Menschen älter werden und verstärkt von chronischen Krankheiten betroffen sind/sein werden (Obsan – Schweizerisches Gesundheitsobservatorium, 2015) ergibt sich ein folgenreiches Spannungsfeld. Das Älterwerden und das Alter erscheinen als Bedrohung, weil mit ihnen Krankheiten und ein möglicher Bedarf an Pflege sowie Betreuung assoziiert werden. Dieses Bild vom Alter verstärkt in der Folge Aktivitäten (gerade im mittleren Lebensalter), um möglichst gesund zu sein und im Alter gesund zu bleiben. Dadurch sollen Autonomie, gesellschaftliche Teilhabe und Wohlbefinden ermöglicht und abgesichert werden.

Hier zeigen sich einerseits Potenziale von ‚Freiheit‘/‚Freiheitshandeln‘, in dem Sinne: ‚Ich tue etwas für mich, ich kümmere mich um mich‘; das heißt, diese Selbstsorge wird in einem sich ermächtigenden Sinn verstanden. Andererseits bedeutet dies zugleich klare gesellschaftliche normative Anforderungen an das Subjekt: ‚Kümmere dich um dich, damit du gesund bist und nicht krank wirst‘ und ‚Falle der Gesellschaft nicht zur Last‘.

Diese Entwicklungen gingen und gehen einher mit dem Um- und Abbau des Sozial- und Wohlfahrtsstaates europäischer Prägung. Wohlergehen und Wohlbefinden ist nun primärer Aufgaben- und Verantwortungsbereich des Subjektes.

 

Männer* und Männlichkeiten: Akzentverschiebungen im Verständnis von Männlichkeit hin zu einem aktualisierten und erweiterten Anforderungskatalog von Männlichkeiten

Beides, Gesundheit und Männlichkeit, scheinen im Rahmen gesellschaftlicher Transformationsprozesse zu einer Gestaltungsvorgabe geworden sein. Das Ideal ist ein ‚männliches‘ Subjekt, das verstanden hat, wie sehr es selbst Ziel der Veränderung in einem fortwährenden Prozess ist. Dabei ist das Ziel ein imaginäres Bild von einem selbst, das aber nie erreicht werden kann. Doch erfolgt die gesellschaftliche Anerkennung bezogen auf Umgang mit Gesundheit, dem ‚Unterwegssein‘. Das Verhalten, sich nicht gehen zu lassen, nicht dem ‚Müßiggang‘ zu verfallen, entspricht dem Arbeitsethos der Leistungsgesellschaft. Leistungsfähigkeit gilt als ein zentrales Element zur Herstellung von Männlichkeit. Dieses sich parat machen, sich körperlich und mental fit machen und fit bleiben, ist ein Auftrag an sich selbst. ‚Gesundsein‘ bzw. ‚über Gesundheit zu verfügen‘ und (Self-)Care würden demnach zu einem aktualisierten und erweiterten Anforderungskatalog hegemonialer Männlichkeit gehören. Diese Vorstellungen passen sehr gut zu den zeitaktuellen Formen der Erwerbsarbeit, deren Mitglieder gefragt sind, als emotional selbstkompetente Teamplayer zugunsten eines wirtschaftlichen Erfolges von Unternehmen zu agieren. Damit wird der moderne Mann* erst zum ‚Manne‘ durch die Herstellung und Absicherung von traditionellen (z.B. Rationalität) und aktualisierten (z. B. Emotionalität: in der Form, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen) ‚Männlichkeitsmarkern‘. Mit diesem Verständnis ist Emotionalität ein fester Bestandteil von Männlichkeit, aber nur in Verbindung mit einer „verbindlichen und selbstbewussten Männlichkeit“ (Franz, 2015, S. 194). Nichtsdestotrotz gibt es auch den persönlichen Wunsch von Männern*, anders als ihre Väter zu leben und Männlichkeitsentwürfe zu erweitern. Dabei befördern verschiedene gesellschaftliche Personen und Organisationen, z.B. Vertreter*innen von Männer*organisationen eine Sprache, bei der es um ‚männliche‘ Aktivitäten, wie der Förderung „väterlicher Sorge-Arbeit“ (Baumgarten & Borter, 2016, S. 18). geht. Hier ist kritisch zu analysieren, welche Essentialisierungen mit der Herstellung ‚einer Geschlechtsidentität‘ verbunden sein können. Denn vor dem Hintergrund der aktuellen demografischen Entwicklung erhält Sorgearbeit eine immer größere Bedeutung. Durch die Ansprache von Männern* als ‚Sorgearbeiter‘ würden sich somit auch neue, flexible personelle Ressourcen für die Erwerbsarbeit und für die häusliche Care-Arbeit ergeben. Die Emanzipation von Männern* gegenüber sich selbst als emotionale Personen, wäre demnach auch ein gleichzeitiger gewünschter Effekt von Marktlogiken zur Sicherstellung von Arbeitskräften und der weitergehenden Aufrechterhaltung von Care-Arbeit als unbezahlte Tätigkeit im Rahmen häuslicher Gemeinschaften.

 

Männer*, Care, Gesellschaft und Gesundheit

Care ist Auftrag und fortwährender Prozess eines ‚aktivierten‘ Subjektes als zentrales Element aktueller Gesundheits- und Sozialpolitiken. Diesen Ansatz sehe ich bei den interviewten Männern*, wenn sie daran denken, krank oder pflegebedürftig zu sein oder zu werden. Ziel von Männlichkeit sowie gesellschaftliche Anforderung an diese ist es, autonom zu leben, ohne auf die Hilfe anderer angewiesen zu sein.

Wie bereits ausgeführt, wird in Bezug auf Gesundheit und Krankheit mit einer Zunahme von chronischen Krankheiten und einem wachsenden Bedarf an pflegerischer Unterstützung ausgegangen. Auf politischer Ebene wird aber meines Erachtens nur unzureichend diskutiert, welche gesellschaftlichen Strukturen und Prozesse verändert werden müssen, um diesen neuen Herausforderungen zu begegnen. So müssen Patient*innen informiert sein, um im Krankheitsfall als Manager*innen ihrer Krankheit agieren zu können. Zudem gehen mit den moralischen Apellen zum individuellen Gesundheitsverhalten Veränderungen des Gesundheits- und Sozialversicherungssystems einher, um die sogenannte Eigenverantwortung des Einzelnen zu ‚stärken‘. Solidarisch zu sein, bedeutet demnach, der Gemeinschaft nicht ‚zur Last zu fallen‘ bzw. fallen zu wollen.

Die Befunde der vorliegenden Untersuchung sagen etwas über die Aktualisierungen von Männern* und ihren Lebensaktivitäten aus. Parallel dazu wird die Berufstätigkeit mit einem Anspruch verbunden, über eine körperliche und mentale Leistungsfähigkeit zu verfügen. Gesundheit ist dafür Garant, diesen Anspruch umzusetzen. Es geht mit einem Verständnis von Gesundheit einher, das nicht (nur) Selbstzweck des Individuums ist, sondern eine gesellschaftliche Norm. In einem Verständnis vom Leben als ‚gesunder‘ Lebensweise, wäre dann Gesundheit ein Ergebnis (vgl. Schnabel, 2015) von erfolgreichem (Self)Care.

Deutlich wird, wie sehr ‚Gesundheit‘ bzw. ‚Gesundsein‘ konstitutive Begriffe für die Lebensführung der Befragten sind. Dabei weisen Gesundheitsvorstellungen sowie Care-Praxen im Alltag Ambivalenzen und Widersprüchlichkeiten auf. Mit den Potenzialen von ‚Freiheit‘ und ‚Zwang‘ verbunden ist eine Führung seiner Selbst (vgl. Foucault, 2007), also ein Feld möglicher Handlungsmöglichkeiten und Handlungszwänge. Insofern erscheint es mir erforderlich, ‚Gesundheit‘/‚Gesundsein‘ und ‚Care‘ als ‚kritische‘ Begriffe zu verwenden, die bei der Ausgestaltung von Gesundheitspolitik, Gesundheitsversorgung sowie Maßnahmen zur Gesundheitsförderung deren Verwobenheiten mit den bestehenden Macht- und Herrschaftsverhältnissen berücksichtigen. Es geht um Gesundheit und (Self-)Care als gesellschaftliche Themen, die demokratische Aushandlungen brauchen und nicht als individuelle Kapitalakkumulation im Rahmen neoliberaler Marktlogiken befördert werden. Für Männer* und Diskussionen um das Verständnis von Care sowie zum Wahrnehmen von Care-Aufgaben bietet das Zusammen-Denken, von Gesellschaft, Ökonomie und Subjektwerdung (vgl. Adorno, 2018) ein Potenzial, hegemoniale Macht- und Herrschaftsverhältnisse in Bezug auf Vorstellungen aktueller Männlickeiten und (Self-)Care weiter kritisch zu reflektieren.

 

Literatur

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[1] Schreibweise mit ‚Asterisk‘ (*):

In dem Blogbeitrag soll der ‚Asterisk‘ (*) im Sinne einer sensiblen Sprache als ‚Zeichen‘ fungieren (vgl. Baumgartinger, 2008), um für die Vielfältigkeit geschlechtlicher Realitäten, Verständnisse und Praxen zu stehen. Ausgenommen davon sind z. B. Zitate aus Literaturquellen, wie Bücher und Fachartikel, die ohne ein ‚Asterisk‘ (*) publiziert worden sind.

[2] Hinweis zu Inhalten und Literaturquellen:

Der vorliegende Blogbeitrag basiert auf Inhalten und Literaturquellen in adaptierter, modifizierter und aktualisierter Form der Publikation: Männer*, Männlichkeiten, Männer*gesundheit. Wie gehen Männer* mit Gesundheit im Alltag um? – Eine Genderperspektive (Hogrefe-Verlag, Bern, voraussichtlicher Erscheinungstermin April 2021).

Die Publikation ist auf Basis und im Anschluss an ein vom Schweizerischen Nationalfonds SNF geförderten Forschungsprojekts zur Männer*gesundheit am Zentrum Gender Studies der Universität Basel entstanden, das ich zusammen mit Prof. Dr. Andrea Maihofer, Prof. Dr. Elisabeth Zemp Stutz, Dr. Diana Baumgarten und Dr. Nina Wehner (heute Prof. Nina Wehner) in den Jahren 2012–2014 durchgeführt habe. Für diese Untersuchung wurden 40 qualitative Interviews mit Männern* im mittleren Lebensalter zwischen 30 und 60 Jahren durchgeführt.

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