Care und Corona. Zeit für Vernetzung?!

Karin Jurczyk

Ist die Corona-Pandemie die große Chance für eine öffentliche und politische Sichtbarmachung von Care und ihre Anerkennung und faktische Aufwertung? Oder bleibt es nach den impliziten und teilweise expliziten Versprechungen, die sich vor allem an das Zauberwort der „Systemrelevanz“ von Care-Arbeit geknüpft haben, bei warmen Worten? Die Einschätzungen hierzu sind kontrovers.

Ob die Pandemie zur Chance für bessere Care-Verhältnisse wird, hängt aus meiner Sicht wesentlich von zwei Voraussetzungen ab, die im Folgenden diskutiert werden: erstens von konkreten Zielsetzungen und zweitens von starken Netzwerken. Dazu, so meine These, brauchen wir auch eine Neuorganisation von Zeit. Denn es ist nicht davon auszugehen, dass eine gezielte gesellschaftliche Transformation, die explizit eine innovative Umgestaltung der Wirtschaft, der Umwelt, des Sozialstaats und der Geschlechterverhältnisse umfasst, bald in Aussicht steht. Viele Analysen machen zwar die immanenten sozialökologischen und ökonomischen Zusammenhänge zu Care deutlich (siehe die Diskurse zu Postwachstumsgesellschaft, Ökofeminismus und vorsorgende Wirtschaftsweise, Nachhaltigkeit etc.), es fehlen jedoch entsprechende gesellschaftliche und politische Mehrheiten und ein klarer Wille zur Neugestaltung einer ‚Caring Society‘, d.h. einer fürsorglichen, solidarischen und sozialen Gesellschaft. Noch schlimmer: Als gesamtgesellschaftliches Gestaltungsfeld ist Care bisher nicht im öffentlichen und politischen Bewusstsein angekommen (Jurczyk/Rerrich/Thiessen 2019)! Zu tief ist das gegenwärtige patriarchale und ausbeuterische Care-Regime in unsere Lebens- und Arbeitsverhältnisse eingegraben, zu eng sind die Verknüpfungen mit sozialstaatlichen und wirtschaftlichen Regulierungen im globalen Ausmaß.

Damit Covid-19 mehr ist als ein „Weckruf“ (Aulenbacher 2020), müsste also erstens ausbuchstabiert werden, was ‚faktische Aufwertung‘ konkret bedeutet, es müssten Arbeitspakete geschnürt werden, so wie das von der Initiative Care-macht-mehr im Arbeitspapier „Großputz! Care nach Corona neu gestalten“ ansatzweise getan wurde. Gewiss sind die dort skizzierten neun Aufgabenfelder dringend zu erweitern und zu vertiefen; dies geschieht durch verschiedene Initiativen (siehe auch der Aufruf „Wann, wenn nicht jetzt“ vom 29.4.2020). Es liegt an der Komplexität des Gegenstands Care selber, dass so viele gesellschaftliche Bereiche tangiert sind. Denn bei Care geht es um die Vielfalt von betreuen, versorgen, erziehen, pflegen und zuwenden (Brückner 2010) – und dies im professionellen, im privaten und im zivilgesellschaftlichen Umfeld sowie auf emotionaler, kognitiver, körperlicher und materieller Ebene. Aber es geht nicht nur um die Breite und Vielfalt von Care: Der Weckruf hat nur Folgen, wenn die Wach-Gewordenen auch im Vollbewusstsein ihrer Kräfte aufstehen, sich den Schlaf gründlich aus den Augen reiben und die Tiefe der notwendigen Gesellschaftstransformation in den Blick nehmen – und anpacken. Und auch hier gibt es unterschiedliche Einschätzungen: meinen die einen, dass es ohne eine Abschaffung des fossilen Kapitalismus mit seinem Care-ignoranten und -ausbeutenden System keine ‚wirklichen‘ grundlegenden Änderungen geben kann (siehe hier sowie Winker 2015), konzentrieren sich die anderen auf systemimmanente Reformen – wie etwa eine bessere Entlohnung von Care-Berufen, die bessere Absicherung von Live-In-Pflegekräften, siehe auch die anderen Beiträge in diesem Blog u.a.m. – und vertrauen auf die langfristig verändernde und kumulative Kraft solcher Teilschritte.

Auch wenn in der Corona-Pandemie zusätzlich zu den bereits länger bestehenden Initiativen, Aktivitäten und Forschungen zu Care viel Neues entstanden ist, so haben doch die meisten mit Care verbundenen Probleme schon lange vorher existiert und entsprechend kann auf einem soliden Sockel von Wissen und praktischer Erfahrung aufgebaut werden. Blicken wir zurück, so fällt ins Auge, dass im Jahrzehnt zwischen 2010 und 2020 eine bisher nicht bekannte Explosion der Beschäftigung mit Care-Themen stattgefunden hat. Dies gilt insbesondere für die Wissenschaft mit einer Vielzahl von Buchbänden, Artikeln, Konferenzen, Vorlesungsreihen, Forschungsprojekten und ganzen Forschungsverbünden (etwa ForGenderCare sowie aktuell „Sorgetransformationen“. Deren Ergebnisse sind inzwischen zum Bestandteil der politischen Bildung (siehe Bundeszentrale für politische Bildung 2020) geworden, aber auch sie haben das Rad nicht neu erfunden, sondern konnten sich auf den seit den 1970er Jahren gewachsenen Fundus der Frauen- und Geschlechterforschung (siehe etwa hier) beziehen. Aus diesen Anfängen lässt sich für die heutige Krise lernen, denn die feministische Forschung entstand damals wiederum in enger Verknüpfung mit der zweiten Frauenbewegung, war also Wissenschaft mit einem konkreten gesellschaftspolitischen Anliegen, das Care eng mit Geschlecht verknüpfte (siehe die Dokumentationen der Berliner Sommeruniversität, bspw. Gruppe Berliner Dozentinnen 1977). Ausgehend von dem damals primären Ziel, die Diskriminierung von Frauen aufzuheben, wurde – zumindest von den größeren Teilen der Bewegung – eine Umverteilung von Sorgearbeit zwischen den Geschlechtern gefordert, eine Emanzipation von Frauen durch Erwerbstätigkeit sowie eine Veränderung der strukturellen Rahmenbedingungen von Frauenarbeit im Privaten und Beruflichen (Beck-Gernsheim/Ostner 1978). Eine im Rückblick interessante Ausnahme war das „Müttermanifest“ von 1986, denn es ordnete zwar die sogenannte Mütterarbeit dezidiert weiter den Frauen zu, stellte aber erstmals explizit deren gesellschaftliche Bedeutung positiv ins Zentrum – ganz im Gegensatz zu vielen links-feministischen Analysen, die in der Verberuflichung der Care-Arbeit die Lösung der Probleme sahen. Die zentrale Terminologie war damals nicht Care, sondern vergeschlechtlichte Begriffe wie Frauenarbeit, Hausarbeit, Frauenberufe, geschlechtsspezifisches Arbeitsvermögen – dies änderte sich in den deutschsprachigen Ländern erst zwischen 2010 und 2020 zugunsten des Care-Begriffs.

Im (kausalen?) Kontext dieser zumindest konzeptionellen Entflechtung von Care und weiblichem Geschlecht, dem neuen Fokus auf den Gesamtzusammenhang aller Care-Bereiche und einer immer unübersehbareren Krise von Care weitete sich auch der Kreis der Akteur*innen aus: Neben dem feministischen Wissenschaftsbetrieb und teilweise gemeinsam mit diesem (siehe auch manifest 2013) bildeten sich etliche Initiativen, die die Care-Krise in mehreren deutschsprachigen Ländern zu einem politischen Thema machten (für einen Überblick siehe Erbe/Jurczyk 2017). Hierzu gehörten in Deutschland allen voran die Care-Revolution, es meldeten sich auch Verbände zu Wort sowie einige Gewerkschaften (GEW und ver.di), aus deren Sicht die Arbeitsbedingungen im jeweiligen Berufsfeld offensichtlich einen kritischen Wert überschritten hatten, ebenso schlugen die Wohlfahrtsverbände Alarm. Paradoxerweise war diese neue Aufmerksamkeit für Care auch eine nicht-intendierte Nebenwirkung einer halbherzigen und widersprüchlichen Modernisierung der staatlichen Familien- und Sozialpolitik, deren zentrale ökonomische Motivation die Sicherung des zukünftigen Fachkräftepotenzials vor dem Hintergrund des demografischen Wandels war. Dennoch öffneten sich in Deutschland mit den Maßnahmen des Elterngeld- und Elternzeitgesetzes 2007, dem Teilzeitbefristungsgesetz 2000, dem Brückenteilzeitgesetz 2019, dem Pflegezeitgesetz 2008 sowie dem Ausbau der Kinderbetreuung für unter Dreijährige seit 2008 (siehe Jurczyk 2018 sowie Maier/Schmidt 2019) auch normativ und gedanklich neue Türen, Legitimationsfiguren und Handlungsräume für die Aufwertung von Care. Nicht zuletzt spielten in Deutschland die offiziellen Berichte der Bundesregierung zu Familie und Gleichstellung (siehe BMFSFJ 2006, 2011, 2012 und 2017), deren Kommissionen teilweise aus feministischen Wissenschaftlerinnen bestanden, eine entscheidende strategische Rolle für die Verbreitung, Politisierung und Aktivierung des Care-Themas in vielen gesellschaftlichen Arenen. Auch in der Schweiz und in Österreich gab es große feministische Initiativen, die das Care-Thema zentral bei ihren Anliegen positionierten. 2019 wurde in der Schweiz ein viel beachteter Frauenstreik durchgeführt, bei dem u.a. gleiche Anerkennung und gleicher Lohn insbesondere auch für sogenannte Frauenberufe, Renten, die ein Leben in Würde ermöglichen sowie eine faire Aufteilung der Haus- und Betreuungsarbeit im Privaten gefordert wurden. In Österreich wurden 2018 fast 500.000 Unterschriften für ein Frauenvolksbegehren eingereicht mit dem Ziel einer Neubewertung und Umverteilung von Arbeit und Zeit sowie einer gerechten Verteilung von Einkommen. Im Jahr 2015 wurde in Deutschland die Equal Care Day Initiative, ein zivilgesellschaftlicher Zusammenschluss von Care-Aktivist*innen, öffentlich gemacht. Ebenfalls unabhängig von Corona wurde 2020 das Bündnis Sorgearbeit fair teilen in Trägerschaft des Deutschen Frauenrats  gegründet. Unterschiedliche Aktionstage sind neu ins Leben gerufen: der 1. Mai als Tag der unsichtbaren Arbeit, der Equal Care Day am 1. März, der Welttag der Hauswirtschaft am 21. März sowie der Equal Pay Day an jeweils dem Tag, an dem die Lohnlücke erreicht ist. Gar nicht aufgezählt werden können hier die Bündnisse und Resolutionen unterschiedlichster zivilgesellschaftlicher Akteure, etwa der Kirchen. Nicht zuletzt findet – dank sozialer Medien – eine internationale Sichtbarmachung von Care-Initiativen statt (vgl. Thiessen 2021): The Care Manifesto ist ein Beitrag von „The Care Collective“ aus Großbritannien, in dem kapitalismuskritische Analysen mit konkreten Vorschlägen für eine systematische Berücksichtigung von Care in Ökonomie, Politik- und Gemeinwesengestaltung vorgestellt werden. Ausgehend von der US-amerikanischen National Domestic Workers Alliance hat sich bereits 2011 das breite Bündnis „Caring across Generations“ gebildet, das private und verberuflichte Care-Arbeit thematisiert und für bessere Care-Bedingungen insbesondere im Bereich haushaltsnaher Dienstleistungen sorgen möchte. Das internationale Netzwerk „Ethics of Care“ will durch die Entwicklung und Verbreitung von Wissen zu achtsamen fürsorglichen Praktiken und gerechten Institutionen und einer Gesellschaft beitragen, die sich um diejenigen kümmert, die verletzlich sind. Vor dem Hintergrund der Corona-Pandemie werden auch konkrete Vorschläge für eine verbesserte Care-Infrastruktur und Arbeitsbedingungen vorgelegt. Das australische „Work + Family Roundtable“,in dem über 30 Wissenschaftler*innen aus 18 Universitäten und Forschungsinstituten organisiert sind, veröffentlicht im Dezember 2020 eine politische Agenda für einen neuen Gesellschaftsvertrag, in dem Erwerbs- und Care-Arbeit in genderkritischer Perspektive neu konturiert werden. Zudem gibt es, ausgehend von den USA, einen globalen E-Mail-Austausch „CAREWORKNETWORK“, in dem so konkrete Ziele diskutiert werden wie die systematische Fokussierung auf Care in der Regierungsagenda des neuen US-Präsidenten Joe Biden.

Die Nachzeichnung dieser langen Linien zeigt: Bereichsübergreifende Netzwerke und Bündnisse sind neben der Ausarbeitung konkreter Ziele die zweite Voraussetzung für eine Verbesserung der Care-Verhältnisse. Und die Zahl und Vielfalt der neu entstandenen bzw. seit längerem aktiven Netzwerke ist beachtlich. Allerdings: Vernetzung braucht Ressourcen und eine unverzichtbare Ressource ist (neben Geld und Einfluss) Zeit. Vernetzung macht sich nicht so nebenher. Unter Bedingungen der Pandemie ist aber gerade Zeit zu einem höchst ungleich verteilten Gut geworden. Die einen haben zu viel, die anderen zu wenig davon, die einen erfahren eine im Lockdown aufgezwungene Entschleunigung und können ihr teilweise positive Seiten abgewinnen, die anderen, etwa in ‚systemrelevanten‘ Berufen, erleben eine massive Beschleunigung und Verdichtung. Die Erfahrung eines Lockdown-bedingten „prekären Zeitwohlstands“ (Jürgen Rinderspacher, siehe auch hier) dürften den meisten Personen mit privaten Care-Verpflichtungen allerdings verwehrt sein: die Berichte erschöpfter pflegender Angehöriger und Eltern mit Home-Office und Home-Schooling weisen auf massive Überlastungen hin . Und gerade denjenigen, die besonders von Zeitproblemen betroffen sind und die viel praktisches Wissen und Forderungen einbringen könnten, ist es (nicht nur) derzeit kaum möglich, auch noch Zeit und Energie fürs Netzwerken und weitere widerständige Aktionen aufzubringen.

Bereits vor der Corona-Pandemie und dem damit verbundenen Lockdown wurde Zeitnot als das Problem von Familien (MfFKJKS 2015) diagnostiziert. Besonders betroffen hiervon sind Alleinerziehende, zweifach vollzeiterwerbstätige Eltern, Mehrkindfamilien, Familien, die parallel Fürsorge für Kinder und pflegebedürftige Angehörige leisten sowie erwerbstätige pflegende Angehörige. Es ist zudem ein neuer Streit darum entbrannt, ob die Corona-Pandemie nun zu einer Re-Traditionalisierung der Geschlechterrollen geführt hat oder nicht (siehe Allmendinger 2021 sowie hier, Boll 2020, Krohn 2020). Allemal sind jedoch drei Aspekte deutlich geworden. Zum ersten, wie extrem ungleich die Arbeitsteilung bereits vor der Corona-Krise war (Barišić/Consiglio 2020), zum zweiten, wie unverzichtbar öffentliche Betreuungseinrichtungen geworden sind, wenngleich von ‚Vereinbarkeit‘ von Care und Erwerb auch unter ‚Normal’bedingungen keine Rede sein kann (Bücker 2020) sowie zum dritten, dass unter den gegebenen Bedingungen neben Care-Aufgaben und Erwerb erst recht kaum mehr Zeit für weitere, z.B. politische Betätigungen bleibt. Care-Politik ist deshalb ganz zentral immer auch Zeitpolitik (siehe Heitkötter u.a. 2009, Jurczyk 2015).

Nun wird zwar schon seit Jahren an unterschiedlichen Zeitmodellen für mehr Care- und Zeitwohlstand und gleichzeitig mehr Geschlechtergerechtigkeit als zentralen Aspekten von Demokratiepolitik gearbeitet (Fleischer 2020, Mückenberger 2012, Zeitpolitisches Magazin. Besonders beachtet wird der Vorschlag der 32-Stunden-Woche als allgemeine lineare Arbeitszeitverkürzung (etwa Allmendinger 2021), sowie das sogenannte „4-in-1 Modell“ von Frigga Haug (2011), das eine gleiche Verteilung von Zeit für die vier Bereiche Erwerbsarbeit, Reproduktionsarbeit, politische Arbeit und kulturelle Selbstverwirklichung fordert. Im Kontext der Corona-Pandemie wird besonders deutlich, dass Sorgearbeit mehr umfassen muss als die Arbeit für konkrete nahestehende Personen, sondern auch Sorge um die Gesellschaft, um das Soziale, bei der Vernetzung ein wichtiger Bestandteil sein kann. Um Zeit für Sorge in einem breiten Sinn als individuellen Anspruch auf sogenannte Optionszeiten abzusichern, muss ein sozialpolitisches Gesamtmodell detaillierter als die bislang vorliegenden Vorschläge ausgearbeitet werden, das eine bedarfsorientierte und selbstbestimmte Gestaltung von Erwerbsverläufen für Frauen und Männer ermöglicht und dabei unterschiedliche gesellschaftlich relevante Tätigkeiten einbezieht. Die Konturen eines solchen Modells „atmender Lebensläufe“ liegen inzwischen vor. Nicht die Perspektive auf die tägliche Arbeitszeit steht im „Optionszeitenmodell“ im Zentrum, sondern auf den Lebens- und Erwerbsverlauf, denn die Bedarfe nach Zeit für unterschiedliche Tätigkeiten sind je nach Lebensphase und Lebenskonstellation wechselhaft.

Das Modell hat folgende Eckpunkte: Menschen allen Geschlechts sollen in ihrem Erwerbsverlauf zwischen Phasen von Erwerbsarbeit, privater Fürsorge, Ehrenamt, Weiterbildung und Selbstsorge selbstbestimmt wechseln bzw. diese bei Arbeitszeitreduzierungen miteinander kombinieren können. Bei der Neuorganisation von Zeit für Care geht es darum, allen Beteiligten gleiche Verwirklichungs- und Teilhabechancen zu geben und zu ermöglichen, dass sie als Antwort auf die „Wechselfälle des Lebens“ zum richtigen Zeitpunkt im Lebenslauf über Zeit verfügen können. Es braucht einen Welfare-Mix mit einer gemeinsamen Verantwortung von Staat, Markt, Familie und Zivilgesellschaft für gute Carezeit-Strukturen. Die Idee des Optionszeitenbudgets ist, über ein gesetzlich verankertes „Ziehungsrecht“ (Mückenberger 2007) jeder Person einen bestimmten Anteil seiner Lebensarbeitszeit für relevante gesellschaftliche Tätigkeiten zur Verfügung zu stellen, die sich in einem Drei-Ringe-Modell abbilden lassen.

Abbildung: Das Drei-Ringe-Modell

Quelle: Jurczyk/Mückenberger 2020, S. 20

Im Kern steht die private und soziale Sorgearbeit zugunsten der Gesellschaft, d.h. die Fürsorge für Kinder, Alte und Kranke, sei es im familialen Rahmen (private care) oder auch als Ehrenamt (social care). Im zweiten Ring findet sich die Weiterbildung, die Unternehmen und Arbeitsmärkten zugutekommt und im dritten schließlich die Selbstsorge, die die Basis sowohl für Erwerbs- wie für Sorgefähigkeit und die persönliche Entfaltung ist und deshalb ihnen selbst zugutekommt. Die Nutzung der jeweiligen Zeitvolumina soll so flexibel wie möglich sein, dabei ist das gesamte Carezeitbudget von insgesamt ca. sechs Jahren von den Personen mit Sorgeaufgaben auf die verschiedenen Sorgetätigkeiten für Pflege, Kinderbetreuung und für die Gesellschaft zu verteilen (siehe Jurczyk u.a. 2020).

Vorausgesetzt, wir hätten durch das Optionszeitenmodell oder ähnliche zeitpolitische Vorschläge, die zivilgesellschaftliche Aktivitäten dezidiert berücksichtigen, die Zeit für Vernetzung, bleibt dennoch genauer zu betrachten, wann und wie Vernetzung wirkungsvoll sein kann. Denn sie ist kein Selbstzweck und Bündnisse als solche bewirken noch nichts. Netzwerke sind immer dann erfolgreich, wenn es gelingt, neben der Einigung über die großen Ziele (hier: die Schaffung gerechter Care-Verhältnisse) konkrete Forderungen zu formulieren und daraus Aktionen folgen zu lassen. Hierfür muss kreativer Streit zugelassen werden und die Vielfalt der Stimmen und Einschätzungen als positives Potenzial wahrgenommen werden dafür, wie Ziele durchaus arbeitsteilig umgesetzt werden können. „Gemeinsam sind wir stark“ – dies geht nur auf partizipativem Weg. Gleichzeitig brauchen wirkmächtige Netzwerke mehr als Zeit und mehr als Partizipation: Sie brauchen Geld, Einfluss und heutzutage auch digitales Knowhow.

Da wir nicht auf einen grundlegenden Wandel unseres Gesellschafts- und Wirtschaftsmodells warten können, sollten wir tun, was wir jetzt tun können, damit die Corona-Pandemie zum Impuls für gerechtere Care-Verhältnisse wird – das heißt, konkrete durchdachte Forderungen stellen, Bündnisse schließen und einmal mehr: das Ende der Bescheidenheit einläuten. Neben der Realisierung care- und geschlechtergerechter Zeitpolitiken schlage ich etwa eine deutliche Erhöhung der Sozialstaatsinvestitionen vor, bzw. diese angesichts insgesamt begrenzter Mittel offensiv ins Verhältnis zu setzen zu den anscheinend selbstverständlich sehr viel großzügigeren Wirtschaftssubventionen (Aulenbacher 2020: 398). Dass „Wirtschaft Care ist“, gilt zumindest für die Gesellschaft, die wir gemeinsam mit vielen anderen anstreben. Wir haben eine Chance!

 

Literatur

Allmendinger, Jutta (2021): Es geht nur gemeinsam! Wie wir endlich Geschlechtergerechtigkeit erreichen. Berlin: Ullstein Taschenbuchverlag.

Aulenbacher, Brigitte (2020): Covid-19 – Warnzeichen oder Weckruf? Über die Sorglosigkeit des Kapitalismus und die „Systemrelevanz“ der Sorge. In: Thomas Schmidinger/Josef Weidenholzer (Hrsg.), Virenregime. Wie die Coronakrise unsere Welt verändert. Befunde, Analysen, Anregungen, Wien: bahoe books, S. 394-400.

Barišić, Manuela/Consiglio, Valentina Sara (2020): Frauen auf dem deutschen Arbeitsmarkt. Was es sie kostet, Mutter zu sein. Kurzexpertise 06/2020. Gütersloh: Bertelsmann Stiftung.

Beck-Gernsheim, Elisabeth/Ostner, Ilona (1978): Frauen verändern — Berufe nicht? Ein theoretischer Ansatz zur Problematik von „Frau und Beruf“. In: Soziale Welt, 29. Jahrg., H. 3, S. 257-287.

Boll, Christina (2020): Zurück in alte Rollen? In: DJI-Impulse, Heft 2/20, München: Deutsches Jugendinstitut, S. 51-55.

Brückner, Margrit (2010): Entwicklungen der Care Debatte. Wurzeln und Begrifflichkeiten. In: Apitzsch, Ursula/Schmidbaur, Marianne (Hrsg.): Care und Migration. Opladen/Berlin/Toronto:  Verlag Barbara Budrich GmbH, S. 43–58.

Bücker, Teresa (2020):  Zeit, die es braucht. Care-Politik als Zeit-Politik. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.): Care-Arbeit, H. 45, S. 4-9.

BMFSFJ (Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend) (2006), Familie zwischen Flexibilität und Verlässlichkeit. Perspektiven für eine lebenslaufbezogene Familienpolitik, 7. Familienbericht, Berlin.

BMFSFJ (2011) (Hg.): Neue Wege – Gleiche Chancen. Gleichstellung von Frauen und Männern im Lebenslauf (Erster Gleichstellungsbericht), Berlin.

BMFSFJ (2012): Zeit für Familie. Familienzeitpolitik als Chance einer nachhaltigen Familienpolitik, 8. Familien-bericht, Berlin.

BMFSFJ (2017): Zweiter Gleichstellungsbericht der Bundesregierung. Gutachten „Erwerbs- und Sorgearbeit gemeinsam neu gestalten“, Berlin.

Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.) (2020): Care-Arbeit. APuZ, H. 45, 70. Jg., Bonn.

Erbe, Brigit/Jurczyk, Karin (2017): Politische Initiativen zur unsichtbaren Sorgearbeit. In: forum erwachsenenbildung, 17. Jg., H. 2/2017, S. 29-33.

Fleischer, Eva (2020): Von der Erwerbsarbeits- zur Tätigkeitsgesellschaft. Wie steht es um Care in den Zukunftsmodellen von Arbeit? In: Claudia Steckelberg/Barbara Thiessen/Vera Taube (Hrsg.): Wandel der Arbeitsgesellschaft. Soziale Arbeit in Zeiten von Globalisierung, Digitalisierung und Prekarisierung. Opladen/ Berlin/Toronto: Verlag Barbara Budrich GmbH, S. 67–80.

Gruppe Berliner Dozentinnen (Hrsg.) (1977): Frauen und Wissenschaft. Beiträge zur Berliner Sommeruniversität für Frauen Juli 1976. Berlin: COURAGE-Verlag.

Haug, Frigga (2011): Die Vier-in-einem-Perspektive als Leitfaden für Politik. In: Das Argument (291), S. 241–250.

Heitkötter, Martina/Jurczyk, Karin/Lange, Andreas/Meier-Gräwe, Uta (Hrsg.) (2009): Zeit und Zeitpolitik für Familien. Opladen/Farmington Hills: Barbara Budrich.

Jurczyk, Karin (2015), Zeit für Care. In Reiner Hoffmann/Claudia Bogedan (Hrsg.), Arbeit der Zukunft: Möglichkeiten nutzen – Grenzen setzen. Frankfurt am Main: Campus-Verlag, S. 260–288.

Jurczyk, Karin (2018): Zeit füreinander! Warum Zeit in Familien nicht alles, aber ohne Zeit nichts ist. In: Familienbund der Katholiken (Hrsg.):  Stimme der Familie. 65. Jg., H. 4, S. 9-137.

Jurczyk, Karin/Rerrich, Maria S./Thiessen, Barbara (2019): Gespenst oder Realität? Bei der Identifizierung geht es nicht in erster Linie um einzelne Bereiche, sondern vor allem um systematische Zusammenhänge. In: OXI Wirtschaft anders denken. H. 12, Berlin, S. 5-7.

Jurczyk, Karin/Mückenberger, Ulrich/Lien, Shih-cheng/Heitkötter, Martina (2020): Das Optionszeitenmodell – ein neuer Impuls für „atmende Lebensläufe“. In: NDV (Nachrichtendienst Deutscher Verein), H. 3/2020, 100. Jg., S. 107-112.

Jurczyk, Karin/Mückenberger, Ulrich (Hrsg.) (2020): Selbstbestimmte Optionszeiten im Erwerbsverlauf. Forschungsprojekt im Rahmen des „Fördernetzwerks Interdisziplinäre Sozialpolitikforschung (FIS). Abschlussbericht https://www.fis-netzwerk.de/fileadmin/fis-netwerk/Optionszeiten_Abschlussbericht_DJIBroschuere_Endg.pdf

Krohn, Philipp (2020):  Retraditionalisierung? Care-Arbeit und Geschlechterverhältnisse in der Corona-Krise. In: Bundeszentrale für politische Bildung (Hrsg.) (2020): Care-Arbeit. APuZ, H. 45, S. 11-15.

Maier, Friederike/Schmidt, Dorothea (2019): Das Gespenst der Care-Krise. Ein kritischer Blick auf eine aktuelle Debatte. In: Prokla – Zeitschrift für kritische Sozialwissenschaft, H. 195, S. 239-258.

Ministerium für Familie, Kinder, Jugend, Kultur und Sport des Landes Nordrhein-Westfalen (MfFKJKS) (Hrsg.) (2015): Familienbericht Nordrhein-Westfalen. Familien gestalten Zukunft. Düsseldorf.

Mückenberger, Ulrich (2007): Ziehungsrechte – Ein zeitpolitischer Weg zur »Freiheit in der Arbeit«, in: WSI-Mitteilungen, 60, S. 195–201.

Mückenberger, Ulrich (2012): Zeitwohlstand und Zeitknappheit als Indikatoren für individuelle und gesellschaftliche Wohlfahrt. In: Becker-Stoll, F. / Klös, H.-P. / Rainer, H. / Thüsing, G. (Hrsg.): Expertisen zum Achten Familienbericht „Zeit für Familie“, München: ifo-Institut, S. 11-47.

Thiessen, Barbara (2021): Großputz! Care nach Corona neu gestalten – nicht ohne Profession und Disziplin Soziale Arbeit, DGSA-Blog, https://www.blog.dgsa.de/grossputz-care-nach-corona-neu-gestalten-nicht-ohne-profession-und-disziplin-soziale-arbeit

Winker, Gabriele (2015, 3. Auflage): Care Revolution. Schritte in eine solidarische Gesellschaft. Bielefeld: transcript.

 

Dr. Karin Jurczyk, Soziologin, von 2002 bis 2019 Leiterin der Abteilung Familie und Familienpolitik am Deutschen Jugendinstitut e.V., München. Derzeit freiberufliche Sozialwissenschaftlerin, Mitglied im Vorstand der Deutschen Gesellschaft für Zeitpolitik e.V. (DGfZP), engagiert in der Initiative Care-Macht-Mehr. Arbeitsschwerpunkte: Arbeit, Care, Doing Family, Gender, Lebensführung, Politiken, Zeit. Kontakt unter kajurczyk@posteo.de

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