Mikroblogging: kurz, schnell und unberechenbar (3/3)

Der Versuch einer soziologischen Interpretation des Phänomens Mikroblogging im letzten Post hatte zu drei Thesen geführt, die mit den Schlagworten „Häppchenkommunikation“, „Subjektivierter Stil“ und „Ultrabeschleunigung“ überschrieben wurden. Mit vier weiteren Thesen soll das Bild komplettiert werden. Dies kann und will insgesamt nicht mehr sein als eine erste Annäherung an dieses eigenwillige Medium auf Basis persönlicher Erfahrungen (als ein „Selbstversuch“ begleitend zu einem Forschungsprojekt). Ein Medium, das sich derzeit mit großer Dynamik verbreitet, deren Konsequenzen noch kaum abschätzbar sind. Wenn man regelmäßig ‚twittert‘, kann man regelrecht zuschauen, wie sich die Formen entwickeln und der Kreis der Nutzer sprunghaft erweitert und dabei verändert. „Mikroblogging: kurz, schnell und unberechenbar (3/3)“ weiterlesen

Wofür ist Twitter gut? Ein aktuelles Beispiel

Immer wieder höre ich Bemerkungen ´bzw. Fragen, was das mit „diesem Twitter“ denn solle. Das mache doch nur Arbeit. Ja, das macht es und man muss aufpassen, dass es einen nicht überrollt – so geht es einem aber generell mit der neue Welt der neuen Medien.

Mehrfach war ich aber gerade in letzter Zeit sehr froh, zeitnah über aktuelle Entwicklungen in einer Intensität und Rirektheit informiert zu werden (fast hätte ich gesagt: teilnehmen zu können), wie es nur mit einem Medium wie Twitter möglich ist. Besonders beeindruckend waren die Veränderungen in Ägypten (Tahrirplatz) und die Katastrophe in Fukushima.

Zur Zeit lässt sich verfolgen, was aus der Bewegung „OccupyWallStreet“ wird. Seit ein paar Tagen haben auch unsere Mainstreammedien gemerkt, dass da „was los“ ist und berichten gelegentlich. Aber was ganz anders ist es, über Tweets ‚dabei‘ zu sein – als politischer Zeitgenosse, aber auch als beobachtender Soziologe. Wenn mich meine soziologischen Instinkte nicht täuschen, dann entsteht da gerade mehr als nur eine politische Eintagsfliege – eine Bewegung, die auch hier ihre Auswirkungen haben wird und deren Besonderheiten sich erst noch zeigen werden. Auffallende jedenfalls ist, das es voirwiegend (aber nicht nur) junge Menschen mit hoher Bildung sind – ähnlich wie in Madrid, Kairo usw. – aber trotzdem ganz anders (auch weil es eben due USA sind). Manche sprechen von einer Tea-Party-Bewegung der Demokraten – ich halte die Parallele für verfehlt.

Wer sich dafür interessiert, dem sei auf Twitter der Hashtag #occupywallstreet (neu auch: #OWS) sowie der Eintrag in der Wikipedia empfohlen. Einige links aus aktuellen Tweets können Interessierten vielleicht zeigen, was ich meine:

Public Sociology, Zeitdiagnose und eine drohende Blindstelle des Fachs

Anmerkungen zur möglichen Rolle neuer Medien in Bezug auf die Debatte über Public Sociology hatte ich schon angekündigt. Da war es sehr erfreulich, soeben auf dem spannenden Drei Länder Kongress in Innsbruck einem einschlägigen Panel folgen zu können. Vorsichtig gesagt war der Eindruck jedoch reichlich ernüchternd.

Vielleicht hatte der eine oder andere Kollege ja auch nur ein anderes Verständnis davon als der Autor, was mit dem wichtigen Anstoß von Michael Buroway zur Public Sociology (s.a. die Beiträge in der Sozialen Welt) intendiert war. Jedenfalls war in so gut wie keinem Beitrag auch nur annäherungsweise davon die Rede, dass es nicht nur um die öffentliche Sichtbarkeit und/oder um eine mögliche zusätzliche akademische Funktion des Fachs („Zeitdiagnose“) geht, sondern um eine genuine Grundaufgabe und letztlich auch soziale Verantwortung der Soziologie. Eine Verantwortung, die darin besteht, der jeweils aktuellen Gesellschaft nicht nur partiales empirisches Wissen, sondern vor allem auch Deutungsangebote anzubieten, die in den Prozess der gesellschaftlichen Selbstvergewisserung und Selbstaufklärung eingehen und dazu beitragen können, Problemlagen besser zu verstehen und Lösungspotenziale aufzuspüren. „Public Sociology, Zeitdiagnose und eine drohende Blindstelle des Fachs“ weiterlesen

Mikroblogging: kurz, schnell und unberechenbar (2/3)

Nachdem im ersten Teil des Posts der Mikrobloggingdienst Twitter mit einigen seiner Besonderheiten und etlichen Beispielen vorgestellt wurde, soll es im Folgenden um den Versuch einer soziologischen Interpretation gehen. Leitende Annahme dabei ist, dass Twitter als paradigmatisches Beispiel für zentrale Momente des Wandels gesellschaftlicher Kommunikation im Übergang zur spätmodernen Gesellschaft verstanden werden kann, an dem sich zugleich wichtige Aspekte des allgemeinen sozialen Strukturwandels studieren lassen. Dazu einige Andeutungen. Da die Thesen relativ ausführlich geraten sind, werden sie auf die Einträge dieser und nächster Woche verteilt – ich hoffe, das ist im Sinne der Leser:

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Wen bedrohen die webaffinen Enterhorden?

Piraten  galten lange als historisches Relikt. Sie waren nur noch ein Thema für kleine Jungs (manchmal auch Mädels), kitschige Hollywoodschinken und Spielzeughersteller – bis vor Somalia eine unerwartete Welle von neuartigen Freibeutern wieder einmal zum Ärgernis für den Welthandel wurde (mehr). Aber spätestens seit diesem Wochenende haben auch noch die letzten Ignoranten gemerkt, dass wir im eigenen Land von oft schwarzgekleideten politisch einäugigen Enterhorden bestürmt werden – und alle fragen sich, was das ist?

Die neue Partei ist selbstredend ein Thema für die unmittelbar politisch bedrohten Konkurrenten – vor allen für diejenigen, aus deren Stammklientel sich die in nun virtuellen Gewässern herumtreibenden neuen Piraten rekrutieren, allen voran die Grünen, teilweise auch die in Berlin regelrecht zerlegte FDP und die sich laut schnaufend über Wasser haltende SPD.

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Mikroblogging: kurz, schnell und unberechenbar (1/3)

Als ich vor eineinhalb Jahren zu „tweeten“ begann, wusste ich eigentlich nicht wirklich, auf was ich mich da einlasse. Ein Forschungsprojekt zur Arbeit im Web2.0 hatte den Anstoß dazu gegeben, selber im Feld der Social Media primäre Erfahrungen sammeln zu wollen– und da bot es sich an, gleich das neueste Medium auszuprobieren. Erst mit der Zeit lernte ich, damit umzugehen. Inzwischen erlebe ich die Beschäftigung mit Twitter als anregende persönliche und nicht zuletzt auch soziologische Erfahrung, aber gelegentlich kann sie auch anstrengend werden (z.B. wenn man glaubt, die Follower regelmäßig ‚bedienen‘ zu müssen, weil sie einem sonst ‚untreu‘ werden könnten – was passieren kann).

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„Die DGS hat jetzt einen Blog“ …

… wurde neulich von einigen soziologisch interessierten Tweetern verbreitet. Für die einschlägige Community war diese Neuigkeit  vermutlich nicht besonders aufregend, wurde aber immerhin mit Interesse registriert. Der/die Eine oder Andere aus dem soziologischen Umfeld mag aber ob dieser Initiative der DGS irritiert die Stirn gerunzelt haben.

Dass ich das Vorhaben sehr begrüße, lässt sich an meiner Bereitschaft erkennen, die ehrenvolle Einladung anzunehmen, erster Autor zu sein. Mehr noch: die Übernahme der ja nicht ganz risikolosen Aufgabe (man setzt nicht nur erste Vorgaben, sondern macht vielleicht auch die ersten Fehler …) kann sogar als dezidiertes Plädoyer verstanden werden: „„Die DGS hat jetzt einen Blog“ …“ weiterlesen