Die Reaktionen auf meinen ersten Blog-Artikel haben mich sehr überrascht. An sich hatte ich nur vor, meine begrenzten Vorstellungen über das Bloggen auszudrücken und mir meine Vorbehalte gegenüber dem Bloggen von der Seele zu schreiben, um so sowohl einen Kommunikationskontakt mit ähnlich denkenden Lesern und Leserinnen zu bekommen, aber auch, um mir selbst über das Medium klarer zu werden. Denn nur wenn man eine ungefähre Vorstellung davon hat, welches Kommunikationsmediums man sich gerade bedient und wer die möglichen Leser sind, kann man überhaupt schreiben.
Überrascht war ich davon, wie viele Menschen den Blog angeklickt und möglicherweise dann auch (ganz) gelesen haben (nämlich mehr als 1.000 in den ersten drei Tagen), und ich war überrascht, dass es doch einige, teils recht umfangreiche Kommentare dazu gab. Ungefähr 1.000 Leser und Leserinnen in drei Tagen (wenn man die Klicks als Leser zählt, was wahrscheinlich nicht zutreffend ist), das ist erheblich mehr als man sonst als Autor erhoffen darf – glaubt man den gängigen Studien über die Anzahl der Leser und Leserinnen von wissenschaftlichen Publikationen. Allein das ist schon Grund genug, weiter über die Blogs als kommunikative Gattung und die Nutzung der Blogs in der Wissenschaft nachzudenken (weshalb auch der ehrwürdige Deutsche Hochschulverband für Mitglieder und Nichtmitglieder Kurse anbietet, in denen das richtige Bloggen Nachwuchswissenschaftlern gelehrt wird – Teilnahmegebühr: 390,00/450,00 Euro). Jedoch gilt insbesondere für die Wissenschaft: Reichweite ist gut, aber Reichweite ist bei weitem nicht alles.
Wegen der überraschend deutlichen Reaktion auf meinem Blog möchte ich, entgegen meiner im ersten Blog geäußerten Absicht, hier noch nicht auf die aktuelle Lage der soziologischen Sozialforschung eingehen, sondern (und das gebietet allein schon die Höflichkeit) auf die Kommentare eingehen – auch wenn ich nicht weiß, wie man angemessen auf Blogkommentare reagiert. Der Blog als kommunikative Gattung befindet sich nämlich noch im Werden, so dass sowohl die innere Struktur des Bloggens (Wie bloggt man richtig?) als auch die äußeren Rahmenbedingungen noch nicht institutionalisiert sind. Stattdessen ist eine Vielzahl von lokalen Formen des Bloggens vorzufinden. Insofern sind wir gerade Zeugen, aber auch Akteure der Auseinandersetzung über die gültigen Formen, Gelegenheiten und Nutzen des Bloggens.
Im nächsten Blog werde ich dann das, wie bereits erwähnt, ursprünglich angedachte Thema, nämlich die Probleme der aktuellen soziologischen Sozialforschung ansprechen. Sollte es jedoch noch weitere Kommentare zum Bloggen in der Soziologie und dem Bloggen für die Soziologie geben, werde ich versuchen, beide Diskussionen parallel weiterzuführen.
Durch die Kommentare habe ich viel über das Bloggen gelernt. Ganz herzlichen Dank an all die, die geantwortet haben: So musste ich erkennen, dass ich mit meinen Vorstellungen über Blogs noch in der Welt der Tante-Emma-Läden lebe (Produkte stehen im Regal und der Käufer muss den Laden aufsuchen), während offensichtlich viele andere schon in der Welt der Supermärkte und der Ladenketten ihren Alltag gestalten (Produkte werden via Marketingstrategien -auch algorithmisierten- aktiv an den Mann und die Frau gebracht). Bloggen ist offensichtlich für viele nicht mehr alleine das Ankleben eines Textes an einer bestimmten Raum-Zeit-Stelle, sondern Bloggen ist für viele auch ein aktives und strategisches Bemühen um Leserschaft und ein aktives Gestalten von Gemeinschaften, die sich mit bestimmten Themen beschäftigen.
Auch musste ich erkennen, dass ich mich als Nutzer des SozBlogs in ein ‚gemachtes Bett’ gelegt habe, da dieser Blog es in den letzten Monaten geschafft hat, ein eigenes Netzwerk zu etablieren. Als ich blogte, wurde automatisch auch das Netzwerk (ohne dass ich es wußte) aktiviert. So gibt es nicht nur eine Fülle von Nutzern, die sich den SozBlog wie die Tageszeitung in ihr Haus bringen lassen (per RSS Feed), sondern der SozBlog ist auch eingebunden in verschiedene Mailinglisten. Mitglieder dieser Mailinglisten werden automatisch über neue Einträge im SozBlog informiert. Zudem haben einige Nutzer, nachdem sie den Blog gelesen hatten, eigenständig in anderen Mailinglisten, in denen sie Mitglieder sind, auf den Blog verwiesen. Auf diese Weise sind wohl Tausende von Nutzern auf den Blog aufmerksam gemacht worden. Davon haben in den ersten drei Tagen über 1.000 Personen die Seite angeklickt (auch an den weitere Tagen wurde der Blog jeweils über 100mal angeklickt). Eine gute Reichweite in sehr kurzer Zeit – ohne Zweifel.
Neun Personen haben den Blog kommentiert, zwei Personen sogar zweimal. So kamen elf Kommentare zustande – in den ersten drei Tagen. Danach gab es (bislang) keinen weiteren Kommentar. Ich weiß nun nicht, ob neun Kommentatoren und Kommentatorinnen mit ihren elf Kommentaren eine quantitativ ‚gute’ oder ‚schlechte’ Reaktion ist. Ein Schwarm und dessen Intelligenz bilden sich aber so sicher noch nicht. Auch weiß ich nicht, ob die eingegangenen Reaktionen typisch oder gar repräsentativ für Kommentare zu Blogs sind.
Obwohl ich mir sicher bin, dass weder die Inhalte der Kommentare noch die Kommentatoren und Kommentatorinnen repräsentativ sind, möchte ich hier versuchsweise und mit aller Vorsicht zwei Idealtypen des Bloggens konstruieren (Soziologen können das Konstruieren nicht lassen) und fragen, ob sich diese halten lassen: es scheint mir, als gäbe es diejenigen, welche die Blogs als Arbeitsmedium, und solche, welche die Blogs vornehmlich als Ausdrucksmedium benutzen. Gewiss wird es noch weitere typische Motivlagen und natürlich wird es Mischformen geben. Die Nutzung wird insgesamt also sehr viel differenzierter sein, als es hier aufscheint. Dennoch könnte diese Unterscheidung vielleicht nützlich sein.
Allen Bloggern gemeinsam scheint die Ausrichtung auf die Netzöffentlichkeit zu sein: Mit ihr (oder besser: mit einer Gruppe, welche die eigenen Interessen teilt) will man in Kontakt kommen, mit ihr wünscht man sich über das Eigene und auch über die Aneignung des Eigenen durch die Anderen auszutauschen. Hier stellt sich die Frage, ob sich daran nicht zeigt, dass es für diese Art des fachlichen Austauschs einen großen Bedarf gibt – dass die soziologischen Tagungen und Kongresse mit ihren Vorträgen (und kurzen Nachfragerunden) also die Fachdiskussion nicht ausreichend ‚bedienen’.
Beide oben genannte Gruppen scheinen sich im Übrigen jeweils in zwei Untergruppen zu teilen. Gemeinsam ist der Gruppe, die den Blog eher als Arbeitsmedium betrachten, die Ansicht, dass Bloggen dazu dient bzw. dienen kann, im beruflichen Miteinander und in der beruflichen Arbeit, also in der wissenschaftlichen Arbeit, weiter zu kommen. Dabei steht bei der einen Untergruppe mehr das Thema im Vordergrund (Man will mit anderen etwas über ein bestimmtes Thema erarbeiten; man will Hilfe von anderen, aber anderen auch helfen.) und bei der anderen Untergruppe mehr die strategische Selbstvermarktung (Man will sich und seine Position bekannt machen und für seine Sicht der Dinge werben.). Wie dem auch immer sei – für diese Personen ist der Blog ein Mittel des wissenschaftlichen Arbeitens, der kollaborativen Verfertigung der Gedanken, und es wird Zeit, solches Bloggen als Kommunikationsmedium in der Wissenschaft ernst zu nehmen und über diese neuen Formen und die Folgen dieser Art der Kommunikation (also deren Institutionalisierung) auch soziologisch informiert nachzudenken.
Bei denjenigen, die den Block eher als Ausdrucksmedium begreifen, finden sich ebenfalls zwei Untergruppen: Für die einen scheint das Bloggen ein Mittel zu sein, die eigenen Ansichten, so individuell sie auch sein mögen, von einem virtuellen speakers corner aus einmal der Welt mitteilen zu können. Die anderen verstehen sich als eher Teil eines um Erkenntnis bemühten Schwarms, von dem jedes Mitglied die Aufgabe hat, aus seiner Sicht einen Wissensbaustein beizusteuern, sei er auch noch so klein. Dieser Gruppe gemeinsam ist, dass man ‚frei von der Leber weg’ seine Meinung äußert, ohne eigene Untersuchungen angestellt und ohne die Literatur befragt zu haben. Gehofft wird, dass auf diese Weise irgendwie Neues und Kreatives in die Welt gesetzt wird. Aber es fragt sich, ob mit dieser Art von Schwarmintelligenz massenhaft die Kuckucksuhren neu erfunden werden.
Was ist für die soziologische Profession interessant an der begonnenen Debatte? Aus meiner Sicht vor allem die Frage, die Christine Moritz in ihrem Kommentar gestellt hat, nämlich die, ob es insbesondere für den wissenschaftlichen Nachwuchs gefährlich sein kann, die eigenen noch unfertigen Gedanken öffentlich zu präsentieren. Dies ist in der Tat eine Frage, die sich stellt, da die Äußerung des Unfertigen nicht nur vielleicht noch Unausgewogenes beinhaltet, sondern auch die vielleicht etwas (zu) flapsig formulierte Kritik an Positionen und/oder etablierten Kollegen und Kolleginnen. Denn auch in der Wissenschaft gilt, dass man sich mindestens zweimal im Leben begegnet – meist öfter. Und deshalb kann es gut sein, dass die Kritisierten den Kritikern begegnen, wenn sie deren Bücher zu rezensieren und deren Drittmittelanträge zu beurteilen haben oder gar in Berufungskommissionen mit zu entscheiden haben, ob die Kritiker für die ausgeschriebenen Stelle qualifiziert sind. Und es ist nur allzu menschlich, dass manche Kritisierte in solchen Situationen recht kleinlich werden – weshalb auch mache keine kritischen Rezensionen schreiben und Kollegen und Kolleginnen nur zustimmend zitieren. Es macht deshalb durchaus Sinn, darüber nachzudenken, was man als Nachwuchswissenschaftler/in in welcher Form in Blogs veröffentlicht. Ein solches Nachdenken als Verrat an der Aufklärung und der Freiheit der Wissenschaft anzuklagen, klingt zwar gut und beherzt, ist aber völlig weltfremd, wenn man die Welt der scientific community ein wenig näher kennt.
Aber es gibt noch einen weiteren Grund insbesondere für Nachwuchswissenschaftlerinnen, mit der Diskussion ihres Unfertigen an die Öffentlichkeit zu treten. Denn nicht nur Politiker greifen manchmal zu dem Mittel, das in Worte gefasste Gedankengut anderer wortwörtlich zu übernehmen und für das Eigene auszugeben, sondern auch in der Wissenschaft findet sich hin und wieder diese Praxis. Mir ist noch gut in Erinnerung, als ich zu Beginn meines wissenschaftlichen Arbeitens einen Artikel, den Christian Lüders und ich zusammen verfasst hatten, bei einer wissenschaftlichen Zeitschrift eingereicht hatte, und einer der Herausgeber dieser Zeitschrift große Teile dieses Aufsatzes noch vor dessen Veröffentlichung Wort für Wort in zwei seiner Publikationen übernommen hat, ohne allerdings kenntlich zu machen, dass diese Gedanken nicht von ihn stammen. Und die Unart des Plagiierens schient nicht geringer geworden zu sein, sondern eher mehr. Deshalb ist auch hier Grund für Vorsicht geboten.
In den Kommentaren wurde wiederholt der Aspekt herausgestellt, ein Blog sei das angemessene Medium, etwas Neues sehr schnell und sehr effektiv in die Welt zu bringen. Das mag in bestimmten Wissenschaften der Fall sein – so zum Beispiel in der Medizin, wenn Mediziner über neue Symptome und Krankheiten oder neue Behandlungsmöglichkeiten berichten. Das mag auch in den Naturwissenschaften der Fall sein, wenn neue Beobachtungen oder neue Eigenschaften von Materialien entdeckt wurden. Allerdings frage ich mich, welche Neuigkeiten in der Soziologie von der Art sind, dass sie der beschleunigten Veröffentlichung bedürfen. Gab oder gibt es irgendein soziologisches Wissen, das so neu und wichtig ist, dass alle es möglichst schnell erfahren sollten? Gewiss macht es Sinn, wenn Soziologen und Soziologinnen tagesaktuelle Ereignisse mittels Blog zeitnah kommentieren und bewerten – doch das kann nicht das allgemeine Geschäft der Soziologie sein. Das Kerngeschäft der Soziologie besteht darin, mittels meist langwieriger Forschung Konzepte und Theorien zu sozialen Sachverhalten zu entwickeln, die nicht wirklich tagesaktuell sind – es jedoch werden können. Vielleicht ist der Blog ja auch nicht das Medium für die Verbreitung des Neuen, sondern vor allem für die Verbreitung von Neuigkeiten. Und vielleicht liegt die Stärke des Bloggens ja in der gemeinsamen Suchbewegung, in der Diskussion des noch Unfertigen, in der Kontaktsuche und der Kontaktschaffung. Dennoch stellt sich die Frage, ob ein solcher suchender Austausch nicht auch der Abgeschlossenheit bedarf und deshalb in einem öffentlichen Medium sein Ziel verfehlt. bzw. verfehlen muss.
Apropos neues Wissen: Es ist zu vermuten, dass die hier geführte Diskussion rund um die Welt wohl schon tausende von Malen mit sehr ähnlichen Argumenten und ähnlichen Aufgeregtheiten statt gefunden hat. Insofern fragt sich, was hier an Neuem ans Licht gekommen ist. Aber das muss wohl so sein, da neue Medien sich in allen Lebenswelten erst Schritt für Schritt durchsetzen müssen, um alltäglich zu werden. Und dazu muss man darüber debattieren. Immer wieder.
Ob die Blogs dann allerdings die Mitgliederzeitschriften ersetzen werden und ob Blogs das Mitteilungsmedium einer Organisation werden, das ist aus meiner Sicht noch sehr ungewiss – auch weil schon jetzt viele soziologischen Institute und Organisationen teilöffentliche und v.a. auch nichtöffentliche Online-Plattformen und -Diskussionsforen für diese Zwecke nutzen. Wie oben schon gesagt, scheint es mir nicht ausgemacht, dass der Blog das Medium für das Neue ist – so könnte sich auch herausstellen, dass der Blog oft das Medium für den Common Sense ist und somit gerade nicht das Medium der Subversion. Viel schlüssiger scheint mir die Vorstellung vom Blog als Kollaborationsmedium. Was schlussendlich der Fall sein wird, das werden wir erst in ein paar Jahren wissen. Hier ist das letzte Wort noch lange nicht gesprochen – auch weil jeder sich an dieser Debatte beteiligen kann. Und vielleicht regt das ja weitere Leser und Leserinnen des Blogs an, diese Debatte durch Kommentare weiter zu führen als bisher.
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