Die Selbstreflexion des Bloggens dürfte zumindest hier erst einmal ‚durch’ sein, da stimme ich dem letzten Kommentator zu, obwohl noch lange nicht alles Wesentliche hierzu gesagt ist. Nur noch zum Abschluss zwei Bemerkungen, die mir wichtig sind. Die erste ergibt sich aus E-mails eines Bloggers, die ich zu meinem Blog erhalten habe, die zweite versucht, einen Eindruck zu verdichten, den ich bei der Lektüre der Kommentare hatte:
1. Manche haben meine Bemerkungen über flapsige Formulierungen als eine, wenn auch versteckte, Drohung gelesen. Die Übersetzung müsste dann lauten: ‚Wenn Ihr schlecht über mich schreibt, dann bewerte ich, Jo Reichertz, eure Anträge schlecht’. Es tut mir Leid, dass manche meine Bemerkung als Drohung verstanden haben (und in der Tat kann es ‚objektiv‘ eine Lesart sein – was ich allerdings übersehen habe). Hätte ich länger über meine Worte nachgedacht, hätte ich es anders formuliert. In der Sache wollte ich das genaue Gegenteil sagen: Als jemand, der auch mal gerne auf Tagungen flapsig formuliert, habe ich mehrfach erfahren müssen, wie nachtragend Kollegen/innen sein können. Blogs sind in gewisser Hinsicht Äquivalente zu Tagungen. Ich wollte nur das Problem sichtbar machen, dass Worte, da sie soziale Handlungen sind, Folgen haben – damit jeder Blogger, jede Bloggerin weiß, was er/sie tut, wenn er/sie etwas tut. Das war sicherlich ein wenig (zu viel) Patronising. Aber wenn man weiß, was manche mit Äußerungen anstellen, dann kann man auch verantworten, was man geschrieben hat und kann mit den Folgen leben. Dass der Blog ein Medium für folgenlose Äußerungen ist, glaube ich nämlich nicht. Jede Kommunikation hat Folgen.
2. Blogger/innen kommunizieren (so der Eindruck, der bei mir im Laufe der letzten Tage entstanden ist) unabhängig davon, ob sie den Blog als Arbeits- oder als Ausdruckmedium praktisch benutzen, zwei sich einander widersprechende Aussagen. Die erste Aussage lautet ‚Blogäußerungen bedeuten etwas (deshalb sind sie ernst zu nehmen)’ – weshalb Blogger gleich die ganz großen Werte für sich ins Feld führen (Demokratie, Kreativität, Neues) oder sich anspruchsvoller Wortwahl bedienen. Die zweite kommunizierte Aussage lautet jedoch: ‚Blogäußerungen bedeuten nichts (deshalb muss man sie nicht ernst nehmen)’- weshalb reklamiert wird, die Äußerungen seien ‚spontan’ zustande gekommen, nicht so durchdacht, sondern noch unfertig, weshalb man sie nicht auf die Goldwaage legen sollte. Weil beide Aussagen ins Feld geführt werden, gleicht die Kommunikation über das Bloggen leicht dem Hasel-und-Igel-Spiel.
Doch nun wirklich zu den angekündigten Überlegungen zur aktuellen Lage der empirisch arbeitenden Sozialwissenschaft:
Die klassischen Methoden, mit denen die Sozialforschung (qualitative wie quantitative) versucht, sich Wissen über bestimmte Praxisfelder zu verschaffen, sind neben der allgemeinen Reflexion und dem Studium der Fachliteratur vor allem das Interview, die (Feld-)Beobachtung, die audio- oder audiovisuelle Aufzeichnung ablaufender Interaktion und Kommunikation und die Artefaktanalyse. Experimente sind (trotz Garfinkel) weitgehend außer Mode gekommen. Sekundäranalysen findet man fast nur in der quantitativen Sozialforschung – und auch dort nicht oft.
Das Wissen darüber, auf welche Weise man welche Art von Daten von was erhebt und auswertet, das ist weitgehend in der fachlichen Diskussion in den 1970er Jahren entwickelt worden. Entsprechende Kanonisierungen und Praxisratgeber finden sich in fast allen gängigen Einführungen in die Sozialwissenschaft. Daran hat sich in den letzten Jahren wenig geändert (http://www.uni-due.de/imperia/md/content/kowi/qualitative_sozialforschung_lucius.pdf). Was sich aber geändert hat, das ist die von den Sozialwissenschaftlern untersuchte gesellschaftliche Praxis, auch weil sie ihre Erfahrungen mit der Sozialforschung gemacht und sich auf diese eingestellt hat und es teilweise auch vermag, diese für die eigenen Zielsetzungen zu instrumentalisieren. Die Frage ist deshalb, ob die heutige Sozialforschung noch zu der heutigen gesellschaftlichen Wirklichkeit passt.
Diese Frage und die darin implizit enthaltene These möchte ich hier am Beispiel der Feldbeobachtung, also einer besonders guten Methode der qualitativen Sozialforschung, erläutern. Noch mehr gelten diese Bemerkungen dann, wenn man nicht nur beobachten, sondern auch audio-visuelle Aufzeichnungen machen möchte. Allerdings werde ich auf diesen Bereich hier nicht eingehen.
Grundlage dieser Überlegungen sind meine Erfahrungen, die ich in den letzten 30 Jahren mit Feldforschungen in unterschiedlichen gesellschaftlichen Bereichen (Polizei, Fluglinien, Automatenindustrie, Call-Center, Medien, Behörden) gemacht habe bzw. nicht machen konnte – weshalb sich meine Überlegungen vor allem (aber nicht nur) auf die Untersuchung von Organisationen beziehen. In meinen folgenden Blogs werde ich dann versuchen, weitere aktuelle Probleme der vor allem empirisch arbeitenden qualitativen Sozialforschung zu beschreiben.
Ein bestimmtes Praxisfeld als Wissenschaftler/in beobachten zu wollen, das ist die eine Sache – es auch betreten zu können, die andere. Das weiß jeder, der es jemals versucht hat. Das gilt nicht nur, wenn man die Praxis polizeilicher Arbeit teilnehmend beobachten will, sondern auch, wenn man sich für die Praxis journalistischen, politischen, gewerkschaftlichen, schulischen, ärztlichen, pädagogischen etc. und natürlich auch wissenschaftlichen Arbeitens interessiert. Das gilt natürlich auch, wenn man die konkrete Arbeit der Investment- und Kundenbanken beobachten möchte oder die Arbeit des Militärs oder die privater Sicherheitsfirmen. Das gilt also vornehmlich, wenn man die Praxis von staatlichen wie privatwirtschaftlichen Organisationen untersuchen möchte.
Denn die Vertreter dieser Organisationen sind sehr erfindungsreich, sich teilnehmende Beobachter/innen vom Leib zu halten. Sehr viel lieber geben sie lange Interviews, die schon auf den ersten Blick als PR-Aktivitäten zu erkennen sind. Und oft lassen sich Wissenschaftler/innen (ohne es zu bemerken) dazu benutzen, PR für die untersuchte Organisation auf den Markt zu bringen.
Nun war es noch nie ganz leicht, als beobachtender Wissenschaftler/beobachtende Wissenschaftlerin an der Lebenspraxis anderer Menschen für eine gewisse Zeit teilzunehmen. Weshalb sollte man einem Fremden auch Einblicke in das eigene Leben oder das Leben einer Organisation gewähren? Noch sehr viel schwieriger wird die teilnehmende Beobachtung in Feldern, in denen (a) die Handlungspraxis durch die Beobachtung erheblich behindert wird (z.B. Intensivstationen, Polizeiarbeit, Privatleben etc.) oder (b) wenn in den Feldern Normen, Tabus oder Gesetze verletzt werden (z.B. organisiertes Verbrechen, Drogenszene, Unternehmen etc.) oder (c) wenn die Abwesenheit von Beobachtung für die Handlung konstitutiv ist (z.B. Sexualität, Geheimrituale etc.) oder wenn in den Feldern bestimmten Personengruppen (z.B. Andersgläubige, Erwachsene etc.) systematisch ausgeschlossen sind. Weiter verschärft wird das Zugangsproblem, wenn man sich Feldern nähern will, in denen die Feldinsassen über gesellschaftliche Macht verfügen. Es ist wohl kein Zufall, dass die Sozialwissenschaft zwar schon fast alle randständigen Gruppen genauestens und teils mehrfach untersucht hat, von den Zentren gesellschaftlicher Macht (Politik, Wissenschaft, Wirtschaft, Banken, Gewerkschaften, Militär etc.), jedoch so gut wie nichts weiß, da ihr in der Regel ein genauerer Einblick in diese Felder verwehrt wird.
Feldforschung ist nun (entgegen der Intuition, Organisationen hätten sich in den letzten Jahrzehnten gegenüber der Gesellschaft geöffnet) in den letzten Jahrzehnten nicht leichter geworden – eher schwieriger. Dies vor allem deshalb, weil die Organisationen, die man als Wissenschaftler/in teilnehmend beobachten will, sich immer öfter einer Beobachtung verweigern. Dass (mittlerweile so viele) Organisationen sich sträuben, sich über einen längeren Zeitraum bei der täglichen Arbeit zuschauen zu lassen, hat sicherlich auch etwas mit der Fülle von Feldstudien zu tun, die in den letzten Jahren veröffentlicht wurden – also mit dem Erfolg der qualitativen Methoden in den Sozialwissenschaften.
Denn nicht immer waren die untersuchten Organisationen mit der Beobachtung selbst und/oder mit den Ergebnissen teilnehmender Beobachtung besonders glücklich. Manche fühlten sich (zu Recht oder zu Unrecht) falsch verstanden und dargestellt. Aber immer galt und gilt: Wissenschaftliche Untersuchungsergebnisse bleiben nicht (mehr) im universitären Kontext, sondern werden von Freund wie Feind in den gesellschaftlichen Diskurs eingespeist und dort für politische Auseinandersetzung oder Verteilungskämpfe genutzt – weshalb in der Regel Forschung heute Folgen für das Untersuchungsfeld hat. Und da diese Folgen nicht immer im Interesse der Untersuchten sind und auch nicht sein können, schließen sich die Untersuchungsfelder zunehmend ab – wenn auch freundlich. Nur manchmal erhält man, wenn die freundlichen Hinweise nicht fruchten, Schreiben von Anwaltskanzleien, die eine Veröffentlichung von Untersuchungsergebnissen unter Androhung von hohen Geldstrafen unterbinden wollen – was mir in meiner Forschungspraxis zweimal passiert ist.
Aber der Hauptgrund für die massive Zurückhaltung von Organisationen ist aus meiner Sicht ein anderer: Es ist die Allpräsenz der Pressestellen und damit einhergehend die Allpräsenz der Public Relations, die den Feldforschern/innen die Zugangsarbeit so schwer macht. Noch in den 1970er und 1980er Jahren gab es in vielen Organisationen eine ganz klare und oft auch offizielle Missbilligung von wissenschaftlichen Feldstudien – man wollte nicht, dass Wissenschaftler bestimmte Felder betreten. Aber mit etwas Geschick, konnte man manchmal mutige Unternehmer oder Behördenleiter davon überzeugen, dass eine wissenschaftliche Untersuchung ihres Praxisfeldes auch für sie von Vorteil ist.
Heute, in Zeiten der allgegenwärtigen freundlichen Pressestellen, gibt es keine offizielle Missbilligung mehr, sondern freundliche Schließungen. So hört man am Telefon oder liest man in der E-Mail oder in dem prachtvoll gestaltetem Schreiben (alles in sehr freundlichem Ton) die offizielle Leitlinie: „Wir als Pressestelle von XY sind offen für eine demokratische Öffentlichkeit und somit auch für die Wissenschaft. Beide können uns gerne beobachten.“ Offiziell oder anders: Auf der Vorderbühne ist es also leichter geworden. Sobald es allerdings ernst wird, also sobald der Feldaufenthalt allerdings konkret umgesetzt werden soll und man über den Beginn spricht, zeigt sich dann regelmäßig, dass „zum größten Bedauern“ bestimmte rechtliche Regelungen oder Akteure (besonders beliebt: Datenschutz, Betriebsrat, Versicherungsschutz) einer Feldbeobachtung entgegenstehen.
Diese neue ‚freundliche Schließung’ der Organisationen ergibt sich ganz wesentlich daraus, dass (fast alle) Organisationen im Blickpunkt der Öffentlichkeit stehen und dass die Unternehmen und Organisationen aus verständlichen Gründen Public Relations, also Öffentlichkeitsarbeit betreiben – was heißt: Sie arbeiten im Sinne einer überzeugenden Corporarte Identity bewusst und gezielt an ihrem Bild in der Öffentlichkeit. Denn Public Relations bestehen nun nicht nur darin, der Öffentlichkeit auf möglichst vielen Kanälen zu kommunizieren, was man gerade tut, sondern dass man dieses auch gut tut. Wichtig dabei ist: Die Botschaft soll stimmig sein, niemand soll etwas anderes kommunizieren, alle sollen das Gleiche sagen.
Das ist aus Sicht der PR auch vollkommen in Ordnung. Denn es gehört zur ‚Natur’ der PR, alle Informationen über das eigene Haus, die von innen nach außen gehen, daraufhin zu kontrollieren, ob sie für das öffentliche Bild des Unternehmens/der Institution gut oder schlecht sind. Alle Informationen laufen durch diesen Filter. Wenn Wissenschaftler/innen kommen und sich mittels teilnehmender Beobachtung Wissen über das Unternehmen/die Institution erarbeiten, dann gelangt dieses Wissen via wissenschaftlicher Publikation (aus Sicht der PR-Abteilung) unkontrolliert nach außen, also ohne durch den PR-Filter zu laufen. Das ist für jeden PR-Mann eine mittelschwere Katastrophe, die es auf jeden Fall zu verhindern gilt. Da die Unternehmensleitung ein ähnliches Interesse verfolgt wie die PR, bleiben die Beobachter/innen draußen vor der Tür. Die Kunst der PR-Leute besteht nun darin, die Abweisung zu kommunizieren, ohne allerdings beim Beobachter den Eindruck zu erwecken, man wolle sich einer Beobachtung verschließen – denn alleine eine Absage an die Forschung könnte zu einer ungünstigen PR führen. Das schafft ein sehr gutes Klima für eine doppelbödige Kommunikation.
Und damit blieben viele Bereiche gesellschaftlichen Lebens unbekannte Orte . Und zwar vor allem die Bereiche, die für eine soziologische Aufklärung relevant sind – will man Gesellschaft, also auch politisches, wirtschaftliches, ökonomisches, mediales etc. Handeln verstehen und erklären. Ausgeleuchtet werden dann vor allem die gesellschaftlichen Praktiken, die öffentlich vollzogen werden (z.B. Kirchentage, Events etc.), oder die, von denen die Akteure möchten, dass sie öffentlich werden. Nicht nur die Medien, sondern auch die Wissenschaft werden heute gerne für die ‚eigenen’ Zwecke genutzt. Auf diese Weise zeichnet die Gesamtheit sozialwissenschaftlicher Studien ein recht verzerrtes Bild der Gesellschaft, das nicht die beobachteten Akteure, aber viele Soziologen und Soziologinnen für die Wirklichkeit halten.
Hinzu kommt, und das macht die Sache nicht einfacher, dass man in der Sozialforschung immer öfter erst gar nicht eine Beobachtung anstrebt, sondern sich mit Interviews zufrieden gibt – und die dort erzählten Selbstinterpretationen der Befragten mit der Praxis der Befragten verwechselt.
Was in einer solchen Situation zu tun ist, weiß ich nicht wirklich. Ein Mehr an verdeckter Forschung ist auch aus ethischen Gründen nicht die Alternative. Was kann sonst getan werden? Auf jeden Fall sollte man aber bei jeder Forschung in Rechnung stellen (und auch gesondert reflektieren), dass nicht nur die Wissenschaftler/innen mit der Forschungsarbeit strategische Ziele verfolgen.
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