Die aktuellen Methoden der Sozialwissenschaft (Beobachtung, Interview, Aufzeichnung laufender Interaktion, Artefaktanalyse) sind wenig geeignet, hinter die von Organisationen strategisch für die Soziologie aufgestellten Kulissen zu schauen. Deshalb zeichnet die heutige Soziologie nicht mehr ein umfassendes Bild von der Gesellschaft (falls sie das jemals tat), sondern ein hoch selektives, das viele (auch oft sie selbst) zu Unrecht für die Wirklichkeit halten.
Letzteres war im Groben die Behauptung meines letzten Blogs http://soziologie.de/blog/?p=910#more-910. Obwohl der in den zurückliegenden Tagen etwa von insgesamt 1.500 Menschen angeklickt wurde, haben nur zwei Leser diese (die Soziologie betreffende) Aussage kommentiert – was mich wundert, haben doch meine beiden Blogs zuvor zum Sinn und Unsinn des Bloggens (was die Soziologie nur indirekt berührt) deutlich mehr Kommentare hervorgerufen. Zudem hat der BDS noch den Blog genutzt, Autoren für einen Sammelband zu gewinnen – was mich auch gewundert hat, aber aus anderen Gründen – offensichtlich benutzt man die Blogs nicht nur zum Austausch von unfertigen Gedanken.
Auf die Frage, weshalb so wenige Soziologen und Soziologinnen diese Aussage kommentieren, fallen mir drei Antworten ein:
(1) Weil sie so offensichtlich falsch ist, dass es sich nicht lohnt, ein Wort darauf zu verschwenden;
(2) Weil sie so offensichtlich zutreffend ist, dass es sich nicht lohnt, ein Wort darauf zu verschwenden;
(3) Weil es für Soziologen und Soziologinnen zwar Sinn macht, Blogs zu lesen (also zu nehmen), aber keinen Sinn macht, Blogs zu kommentieren (also zu geben).
Letztere scheint mir die plausibelste Antwort zu sein und sie ist angesichts der überall präsenten Intensivierung und Extensivierung der wissenschaftlichen Arbeit und des Zwangs, seine Zeit als Wissenschaftler/in ökonomisch zu investieren, nachvollziehbar und sinnvoll. Denn als guter Manager, gute Managerin meiner selbst und meiner Arbeitskraft lohnt es für Soziologen/innen nur dort Zeit einzusetzen, wo eine gute ‚Rendite’ (Drittmittelantrag, Publikation, Qualifizierungsarbeit, Verbandsarbeit etc., also ökonomisches, soziales oder symbolisches Kapital) in Aussicht steht. Alles andere wäre Zeitvergeudung.
Bloggen scheint aus dieser Sicht – um das Thema meines ersten Blogs aufzugreifen http://soziologie.de/blog/?p=870 – mithin Zeitvergeudung zu sein. Keine Zeitvergeudung wäre Bloggen, wenn es sich auch für Wissenschaftler/innen und insbesondere für Soziologen/innen lohnen würde. Das scheint jedoch (noch) nicht der Fall zu sein – so mein Eindruck. Das mag allerdings für andere Berufsgruppen (z.B. Journalisten) anders sein.
Es fragt sich erst einmal, wie sich die Kultur (und das Gratifikationssystem) der Soziologie ändern müssten, damit sich Bloggen für Soziologen/innen lohnt und wie sich solche Änderungen herbeiführen lassen. Nur wenn man ‚Gewinne’ plausibel machen kann oder besser: wenn diese Gewinne für Blogger/innen und auch für Leser/innen praktisch erfahrbar sind, wird sich (vielleicht) auch die Kultur der Soziologie ändern. Damit würde sich aber auch der Charakter des Bloggens ändern: Bloggen gehörte dann zur herrschenden Kultur, mit allen damit verbundenen Vorteilen und Nachteilen. Ich bin mir nicht sicher, ob dies wirklich das ist, was die Blogger/innen wollen.
Aber grundlegender ist die Frage, ob sich eine solche Änderung der Kultur der Soziologie auch für die Soziologie als Profession lohnt. Was gewänne sie?
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