Mein Plädoyer für mehr Nachdenklichkeit bei dem Einsatz und der Auswertung von Interviews (siehe letzter Blog) sollte kein Aufruf sein, in der Zukunft das zu machen, was die Alten vor 40 Jahren gemacht haben (back to the roots). Sondern es ging mir darum, gemeinsam darüber nachzudenken, ob die heute (fast flächendeckend) anzutreffenden Interviews noch das erreichen, was sie einmal erreichen sollten. Das tun sie nämlich aus meiner Sicht nicht mehr.
Wenn das so wäre, dann wäre es wichtig zu überlegen, wie die Interviews unter den aktuellen Bedingungen das erreichen können, was sie erreichen sollen. Angesichts der teils gravierenden Folgen, die sozialwissenschaftliche Studien (auch für die Interviewten) haben, ist eine methodologische Gedankenlosigkeit unangebracht. Doch was war das Ziel der frühen Qualitativen Sozialforschung? Hier eine kurze Zusammenfassung, die auch den Wandel sichtbar werden lässt.
Die qualitative Sozialforschung ist in den 1970er Jahren (nicht nur) in Deutschland mit dem Anspruch angetreten, dem Subjekt zu seinem Recht zu verhelfen, seiner Weltsicht, seinen Hoffnungen und seine Befürchtungen einen Ausdruck zu geben. In Frontstellung zur quantitativen Sozialforschung, die sich allein für das Äußere des Subjekts interessierte, hielt es die qualitative Sozialforschung für wichtig und notwendig, die Binnensicht der Subjekte zu berücksichtigen, wollte man deren Agieren verstehen und erklären.
Der qualitativen Sozialforschung ging es also um den Sinn der Subjekte – wobei allerdings von Anfang an zwei Richtungen darüber miteinander stritten, was mit ‚Sinn’ eigentlich gemeint ist bzw. sein soll. Die eine, die eher verstehend orientierte Richtung, ging davon aus, dass das Handeln der Subjekte nur dann verstanden und erklärt werden kann, wenn das sinnhafte (bewusste) Tun der Handelnden dabei maßgeblich erfasst und berücksichtigt wird. Dieser subjektive Sinn war es, den es zu ermitteln galt, weil nur so das Verhalten der Subjekte adäquat verstanden werden kann.
Einer anderen, eher kritisch orientierten Richtung der Sozialforschung, ging es zwar auch um die Sinnhaftigkeit von Handeln, aber sehr viel mehr um die Erreichung eines sinnvollen Lebens und um die Aufhebung von Entfremdung. Ziel dieser Art der qualitativen Forschung war nicht nur die Sinnhaftigkeit des Handelns der Subjekte zu erkennen, sondern auch zu fordern, dass mehr Sinn im Leben der Subjekte sein solle. Die bestehenden Verhältnisse wurden entsprechend kritisiert und es galt, diese entweder zu überwinden oder das Leiden daran zu therapieren.
Beide Richtungen der qualitativen Sozialforschung wandten sich anfangs der gesamten Komplexität menschlichen Handelns zu (Gestik, Mimik, Haltung, Situierung, Sprechen etc.), mussten jedoch bald feststellen, dass die Medien der Fixierung dieses Handelns (also die damaligen Methoden der Datenerhebung) nicht das gesamte komplexe Handeln fassen konnten, sondern nur bestimmte Ausschnitte: Also vor allem das, was sich mittels der damaligen Aufzeichnungsmedien (=Tonbänder) festhalten ließ. Zwar wurde anfangs auch vereinzelt versucht, die Situation als ganze, z.B. mittels analoger Kameras, abzubilden, das stellte sich jedoch bald als sehr schwierig und nicht handhabbar heraus – eine Einschätzung, die sich angesichts neuer digitaler Aufzeichnungs- und Transkriptionsmedien aktuell ändert.
Da die Tonbandgeräte nur Töne und hier vor allem nur den sprachlichen Teil des kommunikativen Handelns festhalten konnten, wurden die Verschriftlichungen des Sprechens, also Texte, zum zentralen Datum qualitativer Forschung. So wurde in der qualitativen Sozialforschung schon sehr früh kommunikativem Handeln auf Text reduziert, was keineswegs identisch ist, sondern sich bedeutsam unterscheidet. Für viele Sozialwissenschaftler wurde die Welt zum Text und die qualitative Sozialforschung geriet vielen zur Textwissenschaft. Nach dieser Etablierung des Textes als entscheidendes Datum und der maschinellen Tonaufzeichnung als zentrales Datenfixierungsmedium, konzentrierte sich die Sozialforschung auf diese Verfahren der Datenerhebung und der Datenauswertung – und dünnten die Komplexität der Situation und die der Kommunikation drastisch aus.
Sozialforschung und Medienentwicklung durchdrangen einander – wobei letztere ganz massiv die Art und den Inhalt der Sozialforschung änderte. Dabei geriet der ‚Sinn’ der Subjekte immer mehr aus dem Blick der Sozialforschung – nicht immer zum Vorteil der qualitativen Forschung. Auch das Interview änderte sich. Statt vor einem Interview erst einmal eine vertrauensvolle Beziehung aufzubauen (was Zeit kostet) und dann dem Gegenüber das Erzählen zu überlassen (was noch mehr Zeit kostet), fragt die Forschung immer öfter fokussiert nur noch das, was sie interessiert – für die subjektive Weltsicht und damit für ein angemessenes Verstehen bleiben weder Zeit noch Ort. Das mag effektiv sein, aber sicher nicht sinnadäquat.
Vor allem öffnet sich der befragte Mensch nicht mehr gegenüber einem Forscher, einer Forscherin, der/die an seiner Sicht der Welt interessiert ist, sondern er nutzt sein Gegenüber, um strategische Identitätsarbeit zu leisten. Insofern spielen beide das gleiche Spiel.
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