Volker H. Schmidt (2012a) kritisiert in seinen Beiträgen auf diesem Blog den beschränkten „Beobachtungshorizont“, „Eurozentrismus“ und „methodologischen Nationalismus“ der deutschen Soziologie und plädiert für eine „globale Soziologie“. Er verweist damit auf die Globalisierungsdebatte, in deren Zuge seit langem diskutiert wird, ob wir eher von einer „Modernisierung“ oder von „multiplen Modernen“ sprechen – sprich: Sind asiatische, afrikanische und südamerikanische Länder als Nachzügler der Entwicklung des „Westens“ zu betrachten, oder werden sie einen eher eigenständigen Weg gehen?
Schmidts Haltung zu diesem Thema ist eindeutig: In seinem „Bericht aus der Ferne“ (2012b) aus Ostasien (insbesondere Singapur) sieht er den „Multiple Modernities“-Ansatz als eindeutig widerlegt. Vielmehr schreibt er:
Demgegenüber finden sich viele Anhaltspunkte für die Stimmigkeit von Kernaussagen modernisierungstheoretischer Provenienz. Der Aufstieg Ostasiens lässt sich mit nur wenig Übertreibung als Textbuchmodernisierung beschreiben und wird von den ihn vorantreibenden Kräften auch weithin so gesehen.
Dieser „Durchbruch der globalen Moderne“ (2012c) hat laut Schmidt folgende Elemente, die sich „in der Tat weltweit abzeichnen“, also weltweit in allen Gesellschaften abzeichnen:
(1) Modernisierung der Gesellschaft (= eines von mehreren sozialen Systemen): Ausdifferenzierung funktionaler Teilsysteme
(2) Modernisierung der Kultur: Rationalisierung; Kontingentsetzung und Reflexivität sozialer Ordnung; Wertverallgemeinerung
(3) Modernisierung der Person: Individuierung; Herausbildung reflexiver Identitäten und multipler, aktivistischer Selbste
(4) Modernisierung des Organismus: Disziplinierung und (Selbst-)Perfektionierung des menschlichen Körpers
Ich möchte Schmidt zum Teil widersprechen. Ich stimme zwar Schmidts (2012b) Argument zu:
wer nach Differenzen sucht, wird welche finden – nicht nur, aber selbstverständlich auch in Ostasien.
Umgekehrt gilt aber ebenso: Wer nach Gemeinsamkeiten sucht, wird auch welche finden.
Wie man den Beiträgen der vergangenen Tage entnehmen kann, habe auch ich einige Zeit in Asien verbracht, wenn auch in anderen Ländern – in China, Indien, Kambodscha, Laos, Thailand und Vietnam. Auch ich habe viele Elemente der Modernisierung und Vereinheitlichung globaler Trends feststellen können. So kaufen etwa Tibeterinnen in Zhōngdiàn in China mit derselben Selbstverständlichkeit Handys oder trinken moderne Softdrinks, wie wir das tun. Gleichzeitig konnte ich eine bemerkenswerte Widerständigkeit des Lokalen beobachten – und zwar in teils recht unerwarteten Bereichen.

So habe etwa in meinem Beitrag zu den vielen Gesichtern Chinas über die Vielfalt der Lebensbedingungen in China geschrieben. Diese lassen sich durchaus modernisierungstheoretisch deuten. In diesem Fall wären Orte wie Shāxī oder Lìjiāng Nachzügler, deren lokale Eigenheiten sich früher oder später den globalen Trends unterwerfen. Es kann aber ebenso sein, dass sie ihre Besonderheiten bewahren und einen eigenen Entwicklungspfad beschreiten.
Was sich bewahrheitet, wird letztlich nur die Zeit zeigen. Zunächst finde ich, dass Europäer in der Empirie zunächst einmal viel genauer ins Detail schauen müssten, wenn sie andere Weltregionen zu analysieren.
Auf Basis meines momentanen Wissensstandes glaube ich jedenfalls, dass Beides zum Teil richtig ist: Zwar gibt es vermutlich durchaus globale Trends, aber eben auch eine Beständigkeit und Beharrlichkeit regionaler Ungleichheiten und des lokal Besonderen, die sich selbst in Europa zeigen. Der Ansatz der „Eigenlogik der Städte“ (Berking/Löw 2008; Frank 2012) greift diesen Gedanken der Eigenständigekeit des Lokalen auf und unterstellt, dass Städte verborgene Strukturen in Form von vor Ort eingespielten, zumeist stillschweigend wirksamen Prozessen der Sinnformung aufweisen, die körperlich-materiell eingeschrieben werden. Die These lautet, dass sich Städte dadurch unterscheiden lassen, dass sich in jeder Stadt je spezifisch unterscheidbare Konstellationen zusammenhängender Wissensbestände und Ausdrucksformen herausbilden, die Menschen in ihren Praktiken auf unterschiedliche Weise prägen und so das Besondere der jeweiligen Stadt ausmachen (Löw 2008, 2011).
So untersuchen wir derzeit in einem Projekt über „Lokale Konventionen des Friseurwesens“, wie sich die jeweilige Stadt strukturierend für die Wirtschaft zeigt, d.h. ob und wie ökonomische Handlungsabläufe über lokale Konventionen sinnhaft organisiert werden. Auch wenn das Projekt noch nicht abgeschlossen ist, so haben wir doch bislang starke Indizien gefunden, dass sich – jenseits von Trends der Globalisierung – Wirtschaftspraktiken von Stadt zu Stadt unterscheiden. Wir konnten zeigen, dass (unabhängig vom Marktsegment)
- stadtspezifische Glaubenssätze existieren, was als „ökonomisch rational“ in dem Sinne gilt, dass es zu wirtschaftlichen Erfolg führt. Diese Weltsichten reproduzieren sich pfadabhängig über die Zeit und schlagen sich nieder in typischen lokalen
- Konventionen des Handelns – Mustern, Handlungsanforderungen zu lösen, insbesondere Formen der (Arbeits )Organisation des Friseursalons –;
- Kommunikations- und Interaktionsformen mit dem Kunden oder unter dem Personal sowie in
- Raum-Zeitarrangements.
Wenn man den Blick auf das Wirtschaftsgeschehen in Asien wirft, fällt auf, dass auf den ersten Blick tatsächlich Alles zu haben ist, was es auch in Europa zu kaufen gibt. Auf den zweiten Blick ist das Ganze subtiler, weil zwar Alles irgendwo in Asien zu haben ist (Asien ist groß), aber eben nicht überall in Asien. Der Adaptionsprozess läuft ungleichzeitig. So konnten wir etwa auf den rückständigsten laotischen Märkten Hygieneprodukte von internationalen Großkonzernen finden. Coka-Cola oder Medikamente gab es dafür nicht. Ich habe hierauf noch keine endgültige Antwort, aber momentan erkläre ich mir das so, dass in Laos Sauberkeit als Merkmal sozialer Distinktion kulturell eine sehr hohe Wertigkeit – dazu passen Shampoos, Seifen und Waschmittel hervorragend. Bei den Lebensmittel bevorzugt man die heimischen Produkte, weil sie besser den lokalen Geschmack treffen.
Anknüpfend an Volker H. Schmidts (2012c) Argumentation heißt das für mich: Ich glaube nicht, dass es nur Globalisierung oder nur Lokalisierung, dass es nur Modernisierung oder nur multiple Modernen gibt. Vielmehr ist es für mich eine empirische Frage, wann und warum wir Vereinheitlichungstrends haben und wann und warum lokale Besonderheiten reproduziert werden sowie wie Globales und Lokales im Zeitverlauf ineinandergreifen. Dies steht übrigens nicht im Widerspruch zu Schmidts (2012d) Argumentation zu den „[e]pistemologische[n] und methodologische[n] Herausforderungen globaler Modernität“:
Mit der Herausbildung multipler Zentren ohne klare Rangordnung vervielfältigt sich nämlich die Zahl der Akteure und Orte, die Einfluss auf das Sozialgeschehen nehmen. Die globale Moderne ändert nicht nur die neu in die Moderne Eintretenden, sie verändert auch die Umwelt aller anderen. Und deshalb tut, selbst wer sich nur für das „eigene“ Land oder die „eigene“ Region interessiert, gut daran, sich auf die neue Konstellation einzustellen.
Die Soziologie muss also versuchen, ihren Analyserahmen zu erweitern und komplexer zu denken – meines Erachtens kann dies nur ein gemeinsames Forschungsprogramm sein, da dies die Möglichkeiten des Einzelnen übersteigt.
Gleichzeitig heißt dies aber auch: Wir müssen die Welt außerhalb Europas und der USA endlich ernstnehmen. Vieles, aber nicht Alles ist überall gleich. Und wenn nicht Alles aus dem „Westen“ adaptiert wird, dann hat das vielleicht auch einen guten Grund – weil Menschen in manchen Fällen vielleicht nicht „rückständig“ sind, sondern ihre lokalen Traditionen einfach besser finden.
Nur wenn man akzeptiert, dass Andere wirklich anders sind und vielleicht in manchen Punkten auch anders sein wollen, kann man von ihnen lernen. Wie Schmidt (2012e) betont, haben das asiatische Länder bereist verinnerlicht und suchen systematisch nach „Good Practices“. In Deutschland fällt uns meist nur ein Land ein, von dem wir lernen könnten: den USA – das hegemoniale Land des 20. Jahrhunderts. Vielleicht wäre es der Zeit, den Blick nicht immer nur nach Westen, sondern nach Osten zu lenken und sich von genuin asiatischen Lösungen überraschen zu lassen.
Literatur
Berking, Helmuth/Löw, Martina (Hg.). (2008). Die Eigenlogik der Städte. Frankfurt/New York: Campus.Derudder, Ben u. a. (2003): Beyond Friedmann’s World City Hypothesis: Twenty-Two Urban Areas Across the World. http://www.lboro.ac.uk/gawc/rb/rb97.html. [Stand: 19.09.2006]
Frank, Sybille (2012). Eigenlogik der Städte. In F. Eckhardt (Hrsg.), Handbuch Stadtsoziologie (S. 289-310). Wiesbaden: VS Verlag.
Löw, Martina (2008). Soziologie der Städte. Frankfurt a.M.: Suhrkamp.
Löw, Martina (2011). Städte als sich unterscheidende Erfahrungsräume. In H. Herrmann, C. Keller, R. Neef & R. Ruhne (Hg.), Die Besonderheit des Städtischen. Wiesbaden: VS Verlag. S. 49-67

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