In den kommenden Tagen werde ich an einer großen internationalen Konferenz teilnehmen. Weil ich währenddessen auch sehr viele Aufgaben übernehmen muss, werde ich mich auch an den letzten Tagen meines Blogs nicht mehr besonders aktiv beteiligen können. Kommentare, die dann noch eingehen, werden deswegen vorläufig unbeantwortet bleiben müssen (oder verspätet beantwortet). Das ist vermutlich auch kein sehr großes Versäumnis, denn trotz eines vielversprechenden Beginns hielt sich das Kommentieren dieses Blogs in sehr engen Grenzen. Die Befürchtung, dass das Theorieblog im Sommerloch nicht die Form annehmen würde, die ich mir erhoffte, hatte ich ja schon mit meinem ersten Blogbeitrag (aber erst nach meiner Zusage an die DGS) geäußert. Die schrumpfende Zahl an Kommentaren mag an meinen Themen liegen. Wenn man jedoch die Beiträge und die Kommentare des Sozblog Revue passieren lässt, dann fällt auf, dass die Beiträge zwar von einer relativ hohen Zahl an Besuchern angeklickt werden, aber relativ wenig kommentiert werden. Wer wissenschaftliche Vorträge hält, wird dieses Muster kennen. Nicht nur als Missverhältnis zwischen Publikum und Fragen, sondern, zuweilen, auch als Missverhältnis zwischen dem Ziel des Vortrags und dem, was gefragt wird. So unähnlich die technischen Formen und die medialen Formate sind, so weisen sie also eine gewisse Ähnlichkeit hinsichtlich der Art von Dialogizität auf – ein Thema, das, wie in einem früheren Blogbeitrag betont, gerade mit Blick auf die neuen Medien besondere Beachtung verdient.
Die Ähnlichkeit zwischen Blog und Vortrag erstreckt sich dabei keineswegs nur auf die Vorderbühne; wie beim nachträglichen Small Talk („na, wie war’s?“) gibt es auch im digitalen Medium eine Art Hinterbühne: manche schreiben Twitter oder SMS, schicken eine Email. Dabei ist es sicherlich entscheidend für die angesprochene Änderung der Öffentlichkeit, dass die Hinterbühne in den elektronischen Medien immer selbst auch öffentlich ist (und zwar, wie der Überwachungsskandal einmal wieder verdeutlicht, selbst dann, wenn wir „privat“ zu sein glauben. (Das hat mit der erwähnten Struktur der digitalen Medien zu tun, die wir auch angesprochen haben) Sieht man von diesem Unterschied ab, scheint sich in all diesen dialogischen Formen eine Entwicklung abzuzeichnen, die in meinen Augen für die wissenschaftliche Kommunikation folgenreich ist. Wir sehen sie etwa in Seminaren sehr deutlich, in denen Studierende weniger erpicht darauf sind, das zu erörtern, was sie vorstellen, sondern eigentlich nur wissen wollen, wie ihre „Präsentation“ bewertet wird, nicht aber, ob es „wahr“ oder „falsch“ war, was besprochen wurde.
Natürlich ist die Bewertung ein Anliegen, das insbesondere durch die neue „Leistungskultur“ in BA/MA gefördert wird. Es ist auch eine Forderung, der die Lehrenden in zunehmendem Maße nachkommen, indem sie die Anforderungen zwangläufig standardisieren. Die derzeitige Diskussion um „MOOCs“ (Massive Open Online Courses) ist ebenfalls ein Hinweis für die Tendenz zur Standardisierung von Wissen, der zunächst die (kleineren) amerikanischen Universitäten immer mehr erliegen.
Die Standardisierung ist sicherlich ein wesentlicher Teil der „Ausbildung“ an Universität; sie sichert, dass die Absolventinnen ein ähnliches Wissen und ähnliche Fertigkeiten haben. Ihre Ausweitung ist zweifellos auch eine Folge der Anforderungen, die Wirtschaft, Politik oder Professionen an die Universitäten stellen. Gerade aber an den Universitäten stellt sich die Frage, in welchem Verhältnis diese Tendenzen zur Forderung stehen, Wissenschaft zu betreiben. Fordert Wissenschaft nicht notwendig, das, was als Wissen gilt, zu überprüfen, zu hinterfragen und zu ergänzen? Ist dies nicht auch der Motor der beständigen Erneuerung wissenschaftlichen Wissens?
Kritik und die Oberflächlichkeit der wissenschaftlichen Kommunikation
Vor dem Hintergrund einer zunehmenden Pluralisierung der Vorstellung von Wahrheit bildet die Kritik sicherlich eines der zentralen Merkmale der Wissenschaft. Selbst die Arten der Wissenschaft, die auf der schieren Positivität ihres Wissens bestehen, räumen ein, dass dieses Wissen der Kritik ausgesetzt werden und sich bewähren muss. Wie aber sehen die Formen der Kritik in der Wissenschaft aus?
Trotz einer langen Geschichte der Wissenschaftslehre und -theorie und einer ansehnlichen sozialwissenschaftlichen Wissenschaftsforschung scheint mir (der ich kein spezialisierter Wissenschaftssoziologe bin), dass wir deutlich mehr empirisches Wissen über die Formen der „Alltagskommunikation“ besitzen als über die dialogischen Formen, in denen Wissenschaft betrieben wird. Konferenzen, Tagungen, Workshops, ja nicht einmal Seminar oderDisputationen scheinen systematisch darauf hin untersucht worden zu sein, ob und wie dort „Kritik“ stattfindet, also „diskutiert“ wird. Wer regelmäßig an wissenschaftlichen Veranstaltungen teilnimmt, kennt die Situationen jedoch allzu gut. Kurvorträge von 15 oder 20 Minuten jagen einander in raschem Rhythmus, jeweils gefolgt von einer knappen Diskussion. Da die Vorträge fast im Regelfall zu lange sind (weil wir alle mehr sagen wollen als wir dürfen), fallen auch die Diskussionen so kurz und zumeist oberflächlich aus, dass im Regelfall nur eine kurze Serie von thematisch jeweils unzusammenhängenden Frage- und Antwortpaaren erfolgt. Neben tausenden dieser hektischen Präsentationsformaten, in denen weder Daten noch Begründungen, sondern bestenfalls „executive abstracts“ von Projekten angezeigt werden können, gibt es natürlich auch die großen Vortragsformate. Auch hier herrscht jedoch die Oberfläche vor: die ebenso häufig zeitlich überziehenden Vorträge werden von Antwort- und Frageserien gefolgt, die im Regelfall ebenso rituell ablaufen wie die kleiner Veranstaltung. Dabei erscheint weniger die rituelle Unsicherheit problematisch, dass häufig Fragen mit Kommentaren verwechselt werden. Problematisch ist vielmehr, dass diese zumeist zu Gegenvorträgen ansetzen, ja ansetzen müssen, um das zu erläutern, was als gemeinsames Wissen in einem Publikum nicht mehr vorausgesetzt werden kann, das aus gleichzeitig hochdifferenzierten und transdisziplinären Wissenschaften sowie hochspezialisiert und auf „öffentliches“ Verständnis zielenden Adressaten besteht. Im Zielkonflikt bleibt die Auseinandersetzung hochspezialisiert und unverständlich oder oberflächlich und unterkomplex.
Das Problem der Oberflächlichkeit stellt sich zudem aufgrund der schieren vorherrschenden Form. Man muss sich nur betrachten, wie Kritiken und Argumentationen verlaufen: In fast wissenschaftlichen institutionalisierten Kommunikationsformen herrscht das Ritual der einfachen Frage-Antwort-Sequenz. Einzelne Publikumsmitglieder stellen eine Frage auf zumeist hochkomplexe, häufig der Zeit wegen auch hoch komprimierte und verkürzte Texte, auf die eine Antwort erfolgt; mehr ist aufgrund zeitlicher Beschränkungen oder um nicht unhöflich, aufdringlich oder aggressiv zu erscheinen, selten möglich; eine besondere Form des vertieften Fragens ist, soweit ich sehe, lediglich in der Disputation möglich, wenn auch selten praktiziert. (Analog zum „order at all points“ der Konversationsanalyse experimentieren wir mit einer Form „critic at all points“, die in meinen Augen sehr vielversprechend ist – doch auch dazu gibt es noch keine systematischen Beobachtungen.)
Dabei ist das, was ich hier vertieftes Fragen nenne, keineswegs eine sehr anspruchsvolle Form. In der Soziologie braucht man dazu nur an Habermas‘ Theorie des kommunikativen Handelns zu erinnern. Habermas knüpft die berühmten Geltungsansprüche (auf Wahrheit, Richtigkeit und Wahrhaftigkeit) bekanntlich an die Möglichkeit Anderer zu „Ja-Nein-Stellungnahmen“. An diese nun schließen sich Begründungen an, die eine gewisse „Tiefe“ haben, wie er sie mit Blick auf Toulmins berühmte „T-Schematismus“ charakterisiert („Daten“, Belege“ und „Stützen sind drei solcher Begründungsstufen).
Anhand der Untersuchung informeller Kommunikation in Familien habe ich gegen Habermas argumentiert, dass seine (oder der Sprachphilosophie) hehren Ansprüche an die Alltagskommunikation praktisch schon aus strukturellen Gründen nicht realisierbar sind (wie im folgenden Text erläutert wird: hier). Allerdings ist zu befürchten, dass die Ansprüche, die Habermas und die Philosophie an die Alltagssprache stellen, nicht einmal in dem größten Teil dessen auch nur annähern erfüllt werden, was wir „anspruchsvolle wissenschaftliche Kommunikation“ nennen. Diese Einschätzung ändert sich nicht, wenn wir die „dialogischen“ digitalen Formen betrachten. Sie scheinen eher das „Evaluieren“ und das „liken“ zu präferieren, also subjektiver Präferenzen zu synchronisieren – was ja durch „Klick“-Zahlen und andere Algorithmen dem massenmedialen Matthäus-Effekt wiederholt („Wer hat, dem wird gegeben“).
Neue Formen wissenschaftlicher Kommunikation
So sehr diese Befürchtung ernüchtert, glimmt jedoch Habermas‘ Hoffnung wenigstens auf kleiner Flamme: Denn indem ich das Argument selbst hier führe, erwarte ich (ebenso wie alle anderen, die diesem Blog folgen), dass es abgelehnt oder akzeptiert, zumindest jedenfalls erörtert werden könnte, und alle, die hier lesen, scheinen diese Erwartung wenigstens unausgesprochen zu teilen, sonst würden sie diesen Text nicht lesen.
Auch wenn selbst dieser Text also nicht kommentiert wird, so würden vermutlich die meisten wohl einräumen, dass man das Argument sogar auf eine Weise austragen könnte, dass die Güte der Argumente zum Tragen kommen könnte. Es dürfte jedoch eine allzu überzogene Vorstellung sein, dass wir in den informellen Situationen des Alltags dazu je die Muße hätten (und wenn wir die Muße haben, füllen wir sie meist in anderer Weise). Auch die Kommunikation zwischen „zivilgesellschaftlichen Akteuren“ nimmt die gewohnten (und zumeist durchaus nützlichen) rhetorischen Formen an, sei das vor Ort, massenmedial oder im Netz. Für die Wissenschaft ist diese Muße jedoch nicht beiläufig; sofern sich nicht nur Ausbildung oder Wissensvermittlung ist, besteht sie aus Prinzip auf der Klärung von Argumenten – sei es der Befunde, der Methoden, mit denen man zu den Befunden kommt, oder der Voraussetzungen oder Axiome, die dem allem vorausgehen. Selbst entschieden relativistische Ansätze müssen noch voraussetzen, dass wenigstens ihr Relativismus als Argument geteilt werden kann. Wenn schon also das die Forderung nach einer halbwegs vernünftigen Argumentation nicht im Alltag (bzw., um an eine Blog-Diskussion zu erinnern: in der Öffentlichkeit) geteilt werden können, so sollte man erwarten, dass sie – zumindest als Forderung – innerhalb der Wissenschaft geteilt wird. Gerade wenn man befürchten muss, dass die Vorstellungen davon, was vernünftig ist, in und zwischen den Wissenschaften deutliche Unterschiede aufweist, ist vielleicht sogar die Verständigung auf diese Forderung das, was die Wissenschaft ausmacht – also sozusagen der Glaube an die Vernunft (vgl. dazu den folgenden Text: 148ff) Das Blog ist sicherlich keine Form, die diese Forderung erfüllt, aber immerhin ist sie eine Form, in der man sie formulieren kann. Ich möchte mich deswegen zum Abschluss dieses Blog-Monats bei all denjenigen bedanken, die diese Formulieren angeklickt, gelesen oder kommentiert haben.
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