…Elter sein dagegen sehr

Sind Väter die besseren Mütter? fragte das Wochenmagazin Der Spiegel in seiner Weihnachtsausgabe 2015. Woraufhin – erwartbar – eine kleine erboste Reaktionswelle durch unsere mediale Echokammer ging: Überwiegend kritisch, manchmal enttäuscht und bisweilen lakonisch-zynisch kommentierten online-dads die Texte im Spiegel. Die online-moms waren – nicht minder erwartbar – noch lakonischer und verärgerter. Jochen König, Vater, Autor und blogger, monierte wie zahlreiche andere das ‚mother blaming‘ im Spiegel – die Pauschalunterstellung, Mütter behinderten systematisch (wenn auch unbeabsichtigt) die Väter am konkreten Einsatz am Wickeltisch, beim Elternabend und auf dem Spielplatz. Gleichzeitig, so König weiter, werde der Vater heldisch überhöht: „Wenn Väter mit ihren Kindern zusammen sind, weinen die nämlich nie, analysiert der Spiegel den Unterschied zwischen Müttern und Vätern“. Ganz ähnlich argumentiert Johnny : Als hipper Vater in Berlin („mit dem Hauch Prenzlberg im Wedding“) bloggt er aus seinem Alltag. Auch er kritisiert den Spiegel für die Fokussierung auf das ‚maternal gatekeeping‘; eine Reduktion, die die „väterliche Selbstherrlichkeit“ nähre. Etwas ambivalenter sieht es PapaDoc: Auch wenn die erwähnte Kritik zutreffe, so sei doch die Hauptsache, dass überhaupt im Medienmainstream über etwas diskutiert werde, was „für viele von uns selbstverständlich ist“. Und er meint damit nicht vorrangig, Vater zu sein, sondern dies praktisch und als Identifizierung ernst zu nehmen, Vaterschaft aktiv zu gestalten und sich damit öffentlich auseinander zu setzen.Bildschirmfoto 2016-01-06 um 17.24.18

Soziologisch interessant ist zunächst, wie immer beim Thema Care und Geschlecht, dass das Private (digital und analog) öffentlich verhandelt wird: Mittagsschlaf, MilchschorfTragetuch binden, Zöpfe flechten – die noch so trivialsten Kleinigkeiten des Alltags mit Kindern – werden zum Ereignis im medialen Raum. Das wundert nicht, denn tatsächlich sind die alltäglichsten Kleinigkeiten nicht nur, aber auch in der Familie, Teil komplexer gesellschaftlicher, vergeschlechtlichter Strukturen, die wir zudem auch noch in vielfältigen Praxen selber machen. Die Väter-Blogs zeigen dies sehr deutlich. Sie alle schreiben, wie übrigens auch die Kilometer einschlägiger analoger Ratgeberliteratur, von ihren biographischen Erfahrungen aus. Sie setzen an am (eigenen) konkreten Alltag an konkreten Orten mit konkreten Menschen und denken von dort aus laut – also für alle im digitalen Raum mitles- und mitkommentierbar – nach über das Leben zwischen Fürsorgelust und -pflicht, Erwerbsarbeit, Politik, Konsum, Subkultur, Style, Fußball und dem, was das Leben sonst noch hergibt (bzw. eben nicht mehr, seit das Kind/die Kinder nachts wichtiger als der drink im Club geworden sind). Hier hallt die frühfeministische Reflexivierung der 1960’er und 1970’er nach: Das Private ist politisch und dies verleugnen zu können ist das Politischste überhaupt. Dies zeigte bereits Betty Friedan 1963 mit ihrem Klassiker zum Weiblichkeitsmythos. Die bis dahin übersehene ‚Hausfrau‘ ist seitdem eine Sozialfigur, über die sich politisch streiten und auch empirisch forschen lässt. Das zunächst strukturell verunsichtbarte Leben von Frauen in der und für die heterosexuelle Familie im Global North ist von einem „problem with no name“ zu einem Kernthema der Familien-, Ungleichheits– und Geschlechtersoziologie sowie der (neo-marxistischen) Gesellschaftsanalyse geworden.

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Im Lichte der empirischen Forschung (hier, hier, hier, hier) sind die meisten blogger wohl nicht repräsentativ für die seit Jahrzehnten so genannten ‚Neuen Väter‚. Diese werden seit Jahrzehnten ebenso behauptet wie gesucht, sie werden jedenfalls intensiv empirisch beforscht (hier, hier, hier, hier). Dabei stellt sich heraus, wie eine aktuelle Studie des DJI zeigt, dass die tatsächlich „aktiven Väter“ in Deutschland eher Männer mit mittleren und niedrigen Bildungsabschlüssen, eher im Osten als im Westen zu finden und eher in Teilzeit erwerbstätig sind. Sie sind tendenziell nicht Museumspädagogen oder Soziologen, sondern Angestellte und Handwerker. Entscheidend scheint zu sein, jedenfalls für die Gestaltung von Elternschaft, dass die materiellen Bedingungen beide (in diesem Fall heterosexuellen) Elternteile zu einer substanziellen Erwerbsarbeit ’nötigen‘ und dass das Leitbild der erwerbstätigen Frau (und Mutter) gilt.DJI-VätergrafikQuelle: Xuan Li et al. (2015): 42

Das Erfolgsmodell „Vätermonate“, also die Möglichkeit frisch gebackener Eltern sich die 14-monatige Elternzeit aufzuteilen, wird zwar mittlerweile von jedem dritten Vater genutzt, 80% reichen jedoch schon 2 Monate, danach wird beruflich wieder durchgestartet. Welche Bedeutung bei diesen Entscheidungen die Paardynamik, der Arbeitgeber, die Geschlechtermuster haben und was an Erfahrung mit Kind und Haushalt tatsächlich in dieser Zeit gemacht wird, untersuchen wir derzeit am Beispiel der Väter in Bayern. „Aktive Väter“ sind derzeit noch mit der Lupe zu suchen, bislang bleibt es ganz überwiegend bei der familialen Zuarbeit.

Das Problem für Mütter, die mehr als das sein wollen und für Männer, die auch Väter sein wollen, liegt im Kern darin, dass Vaterschaft und Mutterschaft durch und durch vergeschlechtlichte Positionen sind. Sie implizieren und verabsolutieren eine Fülle an ‚weiblichen‘ bzw. ‚männlichen‘ Tätigkeiten und Affekten, Praktiken und Identitäten, die systematisch auf Kosten der anderen Seite gehen: Väter sind keine Mütter, Mütter keine Väter. Konkreter: Väter toben, spielen Fußball und essen fast food mit ihren Kindern, während Mütter diesen Reiskekse & Rohkost reichen und sie nach dem match tröstend in den Arm nehmen. Väter sind cool, Mütter sind liebevoll. Von der Problematik der Naturalisierung mal abgesehen, sind solche Zuschreibungen handfest relevant für die Lebensbedingungen von Vätern und Müttern und von Frauen und Männern. In der Erwerbsarbeit spielen solche Unterstellungen einerseits eine Rolle bei Stellenbesetzungen, Beförderungen und bei der Wahrnehmung von Leistung und Personen. Andererseits färben solche Erwartungen und Unterstellungen ganze Branchen und Berufe, und das hat wiederum erhebliche Konsequenzen für Einkommen und Aufstiegsoptionen. Ein gutes Beispiel für diese Zusammenhänge bietet z.B. das Feld der Erzieher_innen. Dabei zeigt – dazu im Kontrast –  die aktuelle Tandem-Studie, dass das Geschlecht von Fachkräften in der Frühpädagogik keinen Einfluss auf ihr Verhalten gegenüber Kindern hat. Ebenso erleben sich beispielsweise alleinerziehende Väter – so eine qualitative Studie – keineswegs ‚typisch männlich‘ und orientieren sich in ihrem Elternalltag eher an der eigenen Mutter.

Letztlich wird wohl nur ein strukturelles und praktisches de-gendering aus vielen Dilemmata der Elternschaft bzw. von Vater- und Mutterschaft heraus helfen. Genau dies fordern auch einige Elter in ihren blogs. Die wichtigste Frage sei doch, so schreibt etwa Nils Pickert, „ob wir ohne diese zwangsverpflichtenden Zuschreibungen unseren Kindern bessere Eltern sein könnten“.

Weiter einschlägig prokrastinieren? Das You Tube-Genre ‚Vater und vollgekackte Windel‘ gibt viel her. Kultursoziologische Analysen welcome!

 

Autor:

Der Forschungsverbund ForGenderCare untersucht den Zusammenhang von Gender (Geschlecht) und Care (Fürsorge) theoretisch wie empirisch vor einem interdisziplinären Horizont. Dem bayerischen Forschungsverbund ForGenderCare gehören 12 Projekte an unterschiedlichen Forschungsstandorten in ganz Bayern an. Die Sprecherinnen des Verbunds ForGenderCare sind Prof. Dr. Barbara Thiessen (HAW Landshut) und Prof. Dr. Paula-Irene Villa (LMU München). Die LMU München ist Sprecheruniversität des Verbundes, die Geschäftsstelle ist dem Lehrstuhl Prof. Villa an der Sozialwissenschaftlichen Fakultät der LMU zugeordnet. Der Verbund wird gefördert durch das Staatsministerium für Bildung und Kultus, Wissenschaft und Kunst und gehört dem der Bayerischen Forschungsallianz BayFor an.

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