Während derzeit einerseits die öffentliche Empörung über zu hohe Managergehälter so weit geht, dass diskutiert wird, diese zu beschränken, berichtet der Armuts- und Reichtumsbericht der Bundesregierung, dass trotz relativ geringer Arbeitslosenquoten etwa jeder siebte Bundesbürger von Armut bedroht ist. Dies verweist auf die besondere Rolle, die der Arbeitsmarkt in modernen Gesellschaften – und die Soziologie – hat.
Arbeit als besondere Ware
Der Arbeitsmarkt war und ist schon immer ein besonderer Markt gewesen. Erstens ist die Erkenntnis uralt, dass „Arbeit“ eben nicht eine Ware ist wie jede andere, sondern an die Person des Arbeitenden gebunden ist, der gleichzeitig auch Mensch und Gesellschaftsmitglied ist. Deshalb kann der Arbeitsmarkt nie nach denselben Logiken funktionieren wie andere Märkte – und vor allem nie nach dem rein ökonomischen Kalkül (auch wenn uns neoliberale Wirtschaftstheorien das immer wieder glauben lassen wollen) (Baur 2001).
Zweitens verbindet der Arbeitsmarkt auf allen Märkten den Produktionsbereich (denn das tun ja Arbeitende mit ihrer Arbeitskraft – sie produzieren Waren und Dienstleistungen) mit der Gesellschaft, und zwar in beide Richtungen: Die Gesellschaft leistet (u.a. über Arbeitsleistung der Erwerbstätigen) wichtige Vorleistungen für das Funktionieren von Märkten, und der Markt erbringt (über das Einkommen der Beschäftigten) wichtige Leistungen für die Gesellschaft (Baur 2008a).
Arbeitsleistung – die Leistung der Gesellschaft an den Markt
Wie man aus den endlosen Klagen der Industrie über den „Fachkräftemangel“ und die „mangelnde Ausbildungsfähigkeit“ leicht schließen kann, entspringen qualifizierte Arbeitskräfte nicht aus dem Nichts – sie müssen so ausgebildet werden, dass sie nicht nur das entsprechende Fachwissen, sondern auch eine dem jeweiligen sozio-kulturellen Kontext angemessene Arbeits- und Zeitkultur mitbringen, zu der die Bereitschaft gehört, Verträge einzuhalten und den eigenen Zeitrhythmus den Bedürfnissen des Marktes anzupassen. Ebenso kann man Arbeitskräfte nicht unendlich arbeiten lassen – wenn wir nicht ab und zu schlafen und essen, klappen wir einfach zusammen.
Die Gesellschaft erbringt demnach zahlreiche sog. Vorleistungen, um dem Markt diejenigen Arbeitskräfte zu liefern, die er für die Aufrechterhaltung der Produktion benötigt. U.a. wird die Sozialisation und Reproduktion von Arbeitskräften auf die Privathaushalte (Kindererziehung, Hausarbeit) und das Bildungssystem ausgelagert (Baur 2008a, 2008b), wobei auch heute noch für Deutschland gilt, dass Bildungssystem und Arbeitsmarkt sehr stark gekoppelt sind: Wer gut ausgebildet ist, ist wesentlich weniger der Gefahr ausgesetzt, arbeitslos zu werden, und hat hohe Chancen auf einen gut bezahlten und prestigereichen Beruf (Baur/Wagner 2013).
Einkommen – die Leistung des Marktes an die Gesellschaft
Im Tausch gegen die Arbeitskraft der Erwerbstätigen wird (über das Einkommen) der auf Märkten erwirtschafteten Wohlstands an die Gesellschaft rücktransferiert, d.h. wer viel verdient, hat nicht nur die Möglichkeit, sich mehr Güter und Dienstleistungen zu kaufen, sondern er genießt i.d.R. auch ein höheres gesellschaftliches Prestige (die Debatte um die Frauenquote ist aus dieser Perspektive ein Kampf um hohes gesellschaftliches Prestige). Außerdem werden in Deutschland Ansprüche auf Sozialleistungen vorrangig über Sozialversicherungsbeiträge erworben, sind also an abhängige Beschäftigung auf dem Arbeitsmarkt gekoppelt, und die Versicherungssysteme zielen auf Statuserhalt ab (Bonß/Ludwig-Mayerhofer 2000). Wer ein niedriges Einkommen hat oder gar arbeitslos wird, ist also doppelt bestraft, weil er nicht nur weniger Einkommen, sondern auch weniger Sozialleistungen bekommt.
Die Neoklassik und der Neoliberalismus postulieren nun, dass Markt(wirtschaft) immer den gesamtgesellschaftlichen Wohlstand maximiere und gleichzeitig Freiheit fördere. Gerade der Armutsbericht (in Kombination mit der Debatte um hohe Managergehalter) verweist auf einen alten soziologischen Befund, dass das nicht immer und unbedingt der Fall sein muss. Vielmehr existieren zwei Grundprobleme:
- die ungleiche Verteilung der Einkommen. Bereits Karl Marx argumentierte, dass Markt(wirtschaft) soziale Ungleichheit erhöhen und zur Verarmung großer Teile der Bevölkerung – teils ganzer Länder (Münch 2012) führen kann. Wirtschaftliche Freiheit kann sehr schnell in ein Ausbeutungsverhältnis umschlagen, wenn Marktteilnehmer unter dem Zwang stehen, ihre Arbeitskraft oder Güter unter Wert zu verkaufen (Fourcade/Healy 2007). Selbst wenn der gesamtgesellschaftliche Wohlstand maximiert ist, kann die Verteilung dieses Wohlstands auf die Gesellschaftsmitglieder sozial unerwünscht sein, indem etwa die Einkommen sehr ungleich sind (Baur 2008b) – in der Sprache des Neoliberalismus nennt sich das „Einkommensspreizung“. Diese Erkenntnis schlägt sich in der aktuellen Debatte um Mindestlöhne nieder (wobei das nicht heißen soll, dass das das einzige oder beste Mittel ist, um dieses Problem zu handhaben).
- Exklusion und Arbeitslosigkeit. Statt Menschen „nur“ schlecht zu bezahlen, kann der Markt sie auch ganz ausschließen (exkludieren), z. B. aufgrund ethnischer Diskriminierung oder weil (wie etwa in Ostdeutschland oder Südeuropa) schlicht nicht genug Arbeitsplätze vorhanden sind, dass alle Arbeitswilligen auch Arbeit finden (Bude/Willisch 2006). Aus diesem Grund ist auch Massenarbeitslosigkeit in allen modernen Gesellschaften ein Problem (Baur 2001).
Moderne Staaten versuchen diese unerwünschten Verteilungsergebnisse durch wohlfahrtsstaatliche Umverteilung auszugleichen, theoretisch wird unter den Stichworten „Gleichheit“ und „Freiheit“ seit langem diskutiert, wie gerecht die Umverteilung gesellschaftlichen Wohlstands über den Markt bzw. über den (Sozial )Staat ist.
Klassische Forschungsfelder der Soziologie
Wegen dieser engen Koppelung von Bildungssystem, Arbeitsmarkt, Sozialstaat und Sozialstruktur arbeitet sich die Soziologie seit je her an diesen Themen ab. Auch wenn das Thema uralt ist und es sehr viel soziologische Forschung dazu gibt, bleibt es – wie die aktuelle Presseentwicklung zeigt – immer aktuell. Und heute wie vor 200 Jahren wirkt hier soziale Ungleichheit (in dem klassischen Sinne, dass die Lebenschancen einer Person nicht von ihrer individuellen Leistung, sondern der Zugehörigkeit zu einer sozialen Gruppe bestimmt werden), wobei die Kategorien, nach denen wir heute analytisch schauen, meist Klasse/Schicht/Lebensstil, Geschlecht, Ethnizität, Alter, Gesundheitsstatus und regionale Herkunft sind.
Auch den Vertretern der sozialen Marktwirtschaft, die die Sozial- und Wirtschaftsordnung der Bundesrepublik der Nachkriegszeit wesentlich mitgestaltet, waren diese Zusammenhänge wohl bewusst. Um ihre Vorstellung von Markt, Gesellschaft und Politik soll es morgen gehen.
Literatur
Baur, Nina (2001): Soziologische und ökonomische Theorien der Erwerbsarbeit. Frankfurt a. M./New York: Campus
Baur, Nina (2008a): Markt. In: Baur, Nina/Korte, Hermann/Löw, Martina/Schroer, Markus (Hg.) (2008): Handbuch Soziologie. Wiesbaden: VS-Verlag. 273-294
Baur, Nina (2008b): Konsequenzen des Verlusts des ganzheitlichen Denkens. Soziale Marktwirtschaft und die Triade Arbeitsmarkt, Sozialstaat und Geschlechterbeziehungen am Beispiel von Westdeutschland. In: Struck, Olaf/Seifert, Hartmut (Hg.) (2008): Arbeitsmarkt und Sozialpolitik. Kontroversen um Effizienz und soziale Sicherheit. Wiesbaden: VS-Verlag. 189-229
Baur, Nina/Wagner, Pia (2013): Die moderne Sozialstrukturanalyse und das Problem der Operationalisierung von Intersektionalität. Eine messtheoretische Perspektive. In: Erwägen – Wissen – Ethik (EWE) 24 (2). Im Erscheinen
Bonß, Wolfgang/Ludwig-Mayerhofer, Wolfgang (2000): Arbeitsmarkt. In: Jutta Allmendinger/ Wolfgang Ludwig-Mayerhofer (Hg.) (2000): Soziologie des Sozialstaats. Weinheim/ München: Juventa. 109-144.
Bude, Heinz/Willisch, Andreas (Hrsg.) (2006): Das Problem der Exklusion. Hamburg: Hamburger Edition
Fourcade, Marion/Healy, Kieran (2007): Moral Views of Market Society. In: Annual Review of Sociology 33. 285-311
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