Aufbau durch Zerstörung

Mein letzter und zugleich erster Blogeintrag war dem schreibenden Reflektieren über das reflexive Schreiben gewidmet. Ich habe vieles außer Acht gelassen, unter anderem den wichtigen Punkt, dass der Umweg der Verschriftlichung uns allen, die wir in ‚Feldern‘ unterwegs sind, das vielleicht Beste, Schönste, Spannendste empirischer Forschung wegnimmt, ganz gleich, wie versiert wir uns beim zusammenbastelnden Schildern und Nacherzählen anstellen. Clifford Geertz nennt die Vorstellung, man könne bruchlos in Worten beschreiben, was man in der Forschungspraxis erlebt und gedacht hat, ‚Textpositivismus‘. Wenn solche schweren Beleidigungen wie das P-Wort ausgesprochen werden, muss das Thema ernst sein.

Ich habe in mancher Publikation die Problematik aufzugreifen versucht, dass empirische SozialforscherInnen nolens volens Vorerfahrungen, Prägungen, überhaupt sozialisatorische Einflüsse und natürlich auch Erwartungshaltungen wie ein ‚Gepäckwissen‘ mit sich herumschleppen. Dieses Gepäck loszuwerden wäre eine Kunst, sie wäre es aber eben nur, weil die Umsetzung nicht möglich ist. Man kann jedoch, um in der Metapher zu bleiben, manches umräumen oder anders verpacken und sich das auf den erkenntnistheoretischen Schultern lastende Gewicht nicht anmerken lassen.

Das Extrem am anderen Ende des Forschungsspektrums dürfte wohl die Haltung sein, persönliche Erfahrungen mithilfe des persönlichen Erfahrungmachens als ‚Datum‘ verstehen zu wollen. Ich habe es ‚erlebt‘, da und dort stand es (fest), es ist ‚objektiv‘ passiert, somit ist es ‚wahr‘, secundum non datur. Solche Attitüde würde ich für gewöhnlich in Kreisen, die sozialwissenschaftliche Methodenschulungen genossen haben, nicht vermuten; aber mit dem Genießen ist es so eine Sache. Es gibt, schreibt Bourdieu, Soziologen – und es gibt „Soziologen (in ganz großen Anführungszeichen)“. Anekdoten und Gerüchte, die mich in diesem Zusammenhang an Anführungsstriche in der Schriftgröße 154 denken lassen, könnte ich den Lesern dieses Blogs zuhauf zumuten. Dabei würde es mir, obwohl ansonsten der Aristokratie fernstehend, aber vermutlich umgekehrt ergehen wie Hofmannsthals Lord Chandos, dem die Worte wie „modrige Pilze“ im Munde verfielen, als er daran dachte, allzu abstrakte Begriffe zu verwenden. Mir wäre das Referat der allzu realen Begebenheiten unangenehm.

Andererseits wecken vage Aussagen die Neugier auf das Konkrete – deshalb doch ein Beispiel. Vor einigen Monaten wurde vor allem in französischen Feuilletons über eine Streitigkeit berichtet, die aufzuarbeiten sich meines Erachtens auch für einschlägige deutschsprachige Medien lohnen würde. Jean-Claude Kaufmann, bekannt vor allem für Studien im mikrosoziologischen Kontext mit einer Detailliertheit, die mich manchmal darüber nachdenken lässt, ob das nicht schon Nanosoziologie ist, hat sich moderat kritisch geäußert über Blog-Einträge und Youtube-Auftritte eines jüngeren ‚Kollegen‘, der erstens einen organisationssoziologischen Universitätsabschluss in der Tasche hat und der zweitens namhaft geworden ist durch Beiträge in einer der ökonomisch rentabelsten Publikationssparten überhaupt, der Partnerschafts- bzw. Intimberatung. Kurz zusammengefasst: Kaufmann hielt die u.a. in kommerzpopulären TV-Sendungen verbreiteten Ansichten des Nachwuchs-Experten über das innere Wesen von Mann und Frau für problematisch. Der ‚Kollege‘ klärt nämlich das mutmaßlich apriori nicht gerade soziologieaffine Massenpublikum von Formaten, in denen beispielsweise unter dem Diktat absonderlicher ‚Spielregeln‘ potenziell amouröse Zweierteams zusammengestellt werden, darüber auf, wie ‚die Männer‘ und ‚die Frauen‘ nun einmal ticken. Komplexe Zusammenhänge sind in Wahrheit ganz leicht zu dechiffrieren, lautet die Implikation. Dem gegenüber fiel Kaufmanns Intervention noch erstaunlich gnädig aus – er veröffentlichte einen kurzen Einspruch gegen die Simplizität des Gesagten und, mehr zwischen den Zeilen, gegen die Brechstangenlogik hinter der Veredelung subjektiver Weltansichten zu wissenschaftlicher Erkenntnis. Die interessante Pointe: dem Angegriffenen fiel ein, dass er das symbolische Kapital der Ehre besitzt; folgerichtig hat er Kaufmann verklagt und will nun im Gerichtssaal sein Ansehen repariert wissen. (Für jemanden, der glaubt, dass das biologische Geschlecht zu vorreflexiven ‚Sozialautomatismen‘ führt, ist der fromme Wunsch, akademische Reputation sei juristisch einforderbar, vermutlich irgendwie ‚logisch‘.) Prozessbesucher werden über mangelnden Unterhaltungswert nicht klagen; der Ausgang des Verfahrens ist, wenn ich die französische Justizlandschaft in dieser Hinsicht korrekt überblicke, bislang offen. Ich lade spielfreudige Leser gerne auf eine Wette über das Ergebnis ein, befürchte jedoch, dass wir alle auf dasselbe Pferd setzen würden.

Ideologie gibt Nestwärme; man mag sich unter ihrem Schirm behütet fühlen. Sie ist aber keine universitäre Disziplin. Diesbezügliche Invasionsversuche finden nicht nur in der Soziologie statt, sondern vermutlich in allen Fächern, einschließlich der Naturwissenschaften, die in dieser Hinsicht von manchen für immun gehalten werden. Das Versprechen der keimfreien Stringenz beim Schaffen von Wissen wird tatsächlich niemals eingehalten, wenn Menschen mit im Spiel sind. Da Wissenschaftskarrieren Elemente der Leichtathletik aufweisen – überall Wettkampf, überall Strecken, die gesprintet werden müssen, und immer wieder Hürden und Wassergräben –, darf zwar auf interne Abwehrmechanismen gehofft werden, die die Hochschulen angesichts der Versuche zur Inthronisation frei von der Leber weg vermarkteter Egozentrik abhalten. Manch eine(r) könnte aber einwenden, dass es diesbezüglich Gegenbeweise gibt, wie ja überhaupt – nach Günther Anders – manche manches meinen. Ich vermute, dass dieser Einwand, auf die Soziologie bezogen, vor allem dort ansetzt, wo es um lebensweltnahe Fragestellungen geht. Selbstverständlich lässt sich die enge Verbundenheit mit Alltäglichkeiten unterschiedlich bewerten: für Bourdieu liegt das darin wurzelnde Erkenntnishindernis klar auf der Hand; bei Giddens dagegen ist der Alltagsakteur fast schon ein kleiner Sozialforscher in nuce. Mir scheint, dass solche Sachverhalte wie Liebe und Sexualität, Geschlechterfragen, Familienorganisation, überhaupt das ganze ‚Zwischenmenschliche‘ die soziologisch Unbedarften zum Mitsprechen einladen, wenn sich die Gelegenheit bietet. Experte/Expertin ist irgendwie jeder, schließlich sind ‚wir alle‘ mit der Innenausstattung unserer Lebenswelten beschäftigt und im Zuge dessen ständig mit interpersonaler Abstimmungsarbeit befasst. Allerdings kommen die im besten Fall qua Reflexivität distanzierten Annäherungen an die elementaren Formen des sozialen Lebens selten mit praxisorientierten Sichtweisen auf identische Themenfelder ins Gehege – abgesehen von der unbedingt tiefer untersuchenswerten Koordination von SozialforscherInnen zwischen Alltagsleben und berufsbedingter Dauerreflexion und ebenfalls abgesehen von solchen in sich durchaus spannenden Überbrückungsfiktionen wie die oben beschriebene Kontroverse aus Paris.

Eine Sonderstellung nehmen Studierende ein. Interessant ist schon allein die Frage, weshalb sie sich für ein Studium der Soziologie oder verwandter Disziplinen entschieden haben. Für noch aufschlussreicher halte ich den Prozess des disziplinimmanenten Transformationsgeschehens, weil es jederzeit scheitern kann und in spezifischen Fällen auch auf allen Stationen des Weges scheitern wird. Wie kann das schulisch gebildete oder, je nach Sichtweise, verbogene Denken mit soziologischem Ballast beschwert werden, wenn das Schultern desselben in vielerlei Hinsicht die Verabschiedung liebgewonnener Überzeugungen beinhaltet? Dabei sollte das destruktive Potenzial unserer Zunft nicht übergangen werden; Soziologie baut auf, indem sie zerstört. Nehmen wir als Beispiel mich. In Lehrveranstaltungen scheue ich mich nicht, auch schon für die Allerkleinsten – Passauer Jargon, welch interessante Terminologie: unter den ‚Quietschis‘ – solche schweren Kaliber wie das Habituskonzept aufzufahren. Nicht wenige Abiturienten mit tadellosem Zeugnis, die aus unerfindlichen Gründen nicht der Saugkraft von Jura oder BWL gefolgt sind, wo sie es diesbezüglich wirklich einfacher haben könnten, müssen angesichts der Bourdieu’schen Radikalhinterfragung ihres bis dahin weitgehend aufgeräumten Blicks auf die soziale Welt erst einmal schlucken. Oder ist es vielleicht so, dass sie ein solch kryptisches Fach, dessen Fokus viele Außenvorbleibende nicht einmal rudimentär beschreiben könnten, just deshalb wählen, weil ihnen schwant, dass die Welt mehr ist als das, was augenscheinlich und handgreiflich der Fall ist?

Letzteres ist ein sympathischer Gedanke und wirkt überdies im Lichte soziologischer Nachforschungen zur Soziologie nicht unplausibel (auch hier ist Bourdieu mein Kronzeuge, wie so oft). Vielleicht ist der Umstand, dass die universitäre Soziologie oft noch andere Studiengänge mitverwöhnt (Lehramt usw.), ein Einflussfaktor in meiner nun aber punktuell gegenteiligen Wahrnehmung. Ohne jeglichen typologischen Anspruch gesprochen, gibt es Studierende, die das soziologische Seminar betreten wie ein Exotarium: man staunt und wundert sich, bleibt aber erstmal da und schaut eine Weile, was passiert. Resistent gegen die Vorstellung, dass der innere Soziologe, die innere Soziologin tief im Selbst darauf wartet, durch Didaktik und Verstricktwerden ins anspruchsvolle Argument geweckt zu werden, kommt von manchen Studierenden irgendwann eine Bemerkung folgenden Musters: Die Antwort auf das komplexe Problem X habe ich ‚irgendwo‘ gelesen, außerdem kennt sich mein Cousin damit aus. Variante: Die Frage Y ist längst beantwortet, das hat mit der Evolution zu tun. Spezifischer: Z ist gar nicht so überraschend, schließlich sind Männer Jäger und Sammler, während Frauen das Feuer hüten. (Einwurf: Hätte man beim Aufbau des Brandschutzes auch nur einen buchstäblichen Funken Traditionsbewusstsein besessen, die ersten Feuerwehren hätten rein weiblich besetzt sein müssen.) Eine andere Variation ist, ein Phänomen aus dem Umstand abzuleiten, dass der Mensch eine rationalistisch operierende Maschine ist, die nur das anstellt, was ihr – vermutlich oft auch unbewusst, so sind Roboter eben drauf – zum faktisch Besten dient. Die Naturwissenschaft, die Mathematik, ‚ein Artikel‘, in besonders dunklen Stunden auch ‚Galileo‘ auf Pro 7, ‚Cosmopolitan‘ oder eine sicherlich gut informierte Internetseite haben das so und nicht anders berichtet, heißt es zur Verteidigung der These. Diese Quellen haben damit üblicherweise ‚bewiesen‘, was der ‚gesunde Menschenverstand‘ längst ahnt und die Soziologie nicht einzusehen vermag: dass die Welt gar nicht so kompliziert ist, wenn man einsieht, wie kausal und vernünftig und nachvollziehbar in Wahrheit alles konstruiert ist. Pardon, natürlich nicht konstruiert, sondern ‚objektiv da‘. Manchmal habe ich das Gefühl, dass es dann, wenn das vorreflexive Besser-Informiert-Sein von studentischer Seite in die Waagschale geworfen wird, lediglich darum geht, Paroli bieten zu wollen um des argumentativen Wettkampfs willen. Diesen Ansatz kann man immerhin sportlich sehen – so lässt sich streiten, und das ist für Lehrveranstaltungen, anders als im Töpferkurs an der Volkshochschule, eine gute Sache. In anderen Fällen wirkt es, als werde die Information darüber, wie es um die Dinge tatsächlich steht, aus humanitärem Impetus heraus, ja geradezu aus Sorge um Wissensstand und Seelenheil der KommilitonInnen weitergetragen. Ethik statt Sportlichkeit: Angehende SoziologInnen sollen also nicht im Morast ihrer Lebensunfähigkeit und Verblendung versinken. Ein Student brachte mir einmal eine, wenn ich das richtig erinnere, zwei- bis dreiseitige Publikation mit, in der geschrieben stand, dass die erotische Anziehung zwischen Personen zuvorderst eine biochemische Angelegenheit sei. Das hat mich das Periodensystem der Elemente mit anderen Augen betrachten und mich über die ungenutzt gebliebenen Möglichkeiten des schulischen Chemieunterrichts sinnieren lassen, aber nur für einen kurzen Augenblick, dann gab ich den Gedanken an eine Periodensystemtheorie wieder auf. Andere Kursteilnehmer fanden die naheliegenden Gegenstandpunkte ebenfalls überzeugender als den schriftlich vorgelegten ‚Beweis‘, was zwar bei dem engagierten Skeptiker keine Umtaufung auf die Weihen der Soziologie zur Folge hatte, aber wenigstens in der Gruppe eine lebhafte Debatte entfachte.

Da wir unter uns sind, lassen Sie uns ehrlich sein: unser Fach macht es Neulingen nicht leicht. Gleichzeitig eröffnet es zauberhafte Wege hin zu verborgenen Schätzen, die ohne die Soziologie ungeschürft bleiben müssten. Anstrengende Bergwerksaufgaben im Verborgenen sind per se eine Nischenfaszination, vermutlich auch eine Sache der Gewöhnung durch beharrliches Aktivsein, und ein bisschen geht es wohl auch um’s Verliebtsein. Ohne Kribbeln im Bauch macht Soziologie keinen Spaß. Vielleicht ist das Studium eine langgezogene Dating-Phase: Manchmal wird daraus Liebe, manchmal bleibt’s fade, und manchmal entflammt eine kurze, stürmische Leidenschaft. Ich denke, beide Seite müssen an-, mit-, für-, und manchmal eben auch gegeneinander klären, ‚was da noch geht‘.

Schreiben über das Schreiben

Für die DGS zu bloggen, ist ein ‚erstes Mal‘ für mich. Das Bedürfnis, unbekannten Lesern Überlegungen zuzumuten, die sie nicht angefordert haben, habe ich bislang in traditionellen Publikationsformaten ausgelebt. Es erscheint mir bequemer, so zu schreiben, als gäbe es lediglich buch- oder artikellesende Rezipienten, schließlich richte ich mich auf diese Weise an eine ominöse Gruppe, von der Rückmeldungen zunächst einmal nur in geringen Dosierungen zu erwarten sind. Die Arg- und Wehrlosigkeit des anonymen Publikums gibt mir die Freiheit, unbeschwert zu sein, handelt es sich von meiner Warte aus doch um (k)eine spezifische Leserschaft: präsent in Abwesenheit, zunächst namenlos und nur hin und wieder in Erscheinung tretend – als Lesende, Belesene, als diejenigen, die gelesen haben bzw. bald gelesen haben werden.

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„Man darf sich nie von seinem Gegner den Grad der Radikalität des eigenen Denkens und Handelns vorschreiben lassen“. Hans Paul Bahrdt und die „68er“-Bewegung. Ein Gespräch mit Wolfgang Eßbach (Teil 1)

Römer:

Lieber Herr Eßbach, im Rahmen des 39. Kongresses der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS) werden Sie über den Kriegsheimkehrer und Soziologen Hans Paul Bahrdt reden und Bahrdts Weg zur Soziologie in der Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg skizzieren. Bereits im Wintersemester 2015/16 haben Sie einen autobiographisch orientierten Vortrag über Ihre Zeit in Göttingen von 1966 bis 1986 gehalten, in dem auch Bahrdt eine wichtige Rolle spielte. Es liegt deshalb nahe, in einem Gespräch auf die Verknüpfungen zwischen beiden Vorträgen etwas ausführlicher einzugehen. Bahrdt selbst war ja in den 1960er Jahren neben dem aus Wilhelmshaven gekommenen Max Ernst Graf zu Solms Roedelheim das professorale Gesicht des Göttinger Soziologischen Seminars. Zugleich hatte Bahrdt schon in den späten 1950er Jahren mit den gemeinsam mit Heinrich Popitz, Ernst August Jüres und Hanno Kesting durchgeführten empirischen Untersuchungen in der Hüttenindustrie des Ruhrgebiets als Industriesoziologe auf sich aufmerksam gemacht – eine Untersuchung, die nicht nur wichtige methodologische Innovationen bot, sondern auch in der zwischen Soziologie, Sozialdemokratie und westdeutscher Linker ausgetragenen Diskussion über die Klassenstruktur der Bundesrepublik intensiv zur Kenntnis genommen wurde. Mit dem 1961 erschienenen Buch „Die moderne Großstadt“ wirkte Bahrdt über eine engere Fachöffentlichkeit hinaus in andere Berufsfelder wie zum Beispiel Architektur und Stadtplanung. Er machte Mitte der 1960er Jahre außerdem eine Sendereihe für das Fernsehen, um die Soziologie einem breiteren Publikum zu präsentieren und war Impulsgeber für die Gründung des Soziologischen Forschungsinstituts (SOFI) in Göttingen.

Kurzum: Bahrdt war ein öffentlicher Soziologe, wie er im Bilderbuch steht, und in der Zeit, in der Sie nach Göttingen kamen, auf dem Höhepunkt seiner Schaffenskraft und Bekanntheit. „„Man darf sich nie von seinem Gegner den Grad der Radikalität des eigenen Denkens und Handelns vorschreiben lassen“. Hans Paul Bahrdt und die „68er“-Bewegung. Ein Gespräch mit Wolfgang Eßbach (Teil 1)“ weiterlesen

Künftige Energie: Notizen zur Weltausstellung in Mittelasien

Energie ist entscheidend für Wohlstand auf einem endlichen Planeten. Wie dieser aussehen wird, hängt von einer Reihe wichtiger Fragen ab. Welche Arten von Energie stehen globalen Bedürfnissen zur Verfügung? Inwieweit können diese sicher genutzt werden? Wie können dabei Klimawandel und Umweltzerstörung vermieden oder gemindert werden? Wie werden Nutzen und Risiken verteilt? Angesichts solch dringender Fragen war es zeitgemäß, dass die jüngste Weltausstellung, die von Juni bis September 2017 in der kasachstanischen Hauptstadt Astana stattfand, dem Thema künftiger Energie gewidmet war. Die folgenden Notizen beziehen sich auf einen Besuch dieser Expo.

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Einladung zur Mittelbauversammlung 2016

Liebe Soziolog*innen,

hier im Blog der DGS haben wir, die Initiative „Für Gute Arbeit in der Wissenschaft“, in den letzten zwei Monaten Facetten der Arbeits- und Lebenssituation  des sog. akademischen Mittelbaus vorgestellt. Neben der fachlichen Auseinandersetzung mit Beschäftigungsbedinungen und -praktiken in der Wissenschaft und deren Auswirkungen auf die wissenschaftliche Praxis geht es uns insbesondere darum, die bestehenden Strukturen zu verändern. Einen Anfang stellen hier die Gremien der DGS dar, in welchen der Mittelbau nicht repräsentiert ist, obwohl er die Mehrheit der DGS-Mitgliedschaft stellt. Aus diesem Grund wird auf dem diesjährigen DGS-Kongress erstmalig eine Mittelbauversammlung stattfinden, um sich über Interessen und Ziele des Mittelbaus in der DGS zu verständigen.

Dienstag, 27. September 2016, 18 – 20.00 Uhr,
Kongress der Deutschen Gesellschaft für Soziologie,
Audimax der Universität Bamberg

Ein konkretes Anliegen dieser Mittelbauversammlung ist es, Vorschläge für ein Wahlprozedere in der DGS zu diskutieren, das eine Vertretung des Mittelbaus in den Gremien sicherstellt. Erste Vorschläge hierzu wurden auf der Tagung „Soziologie als Beruf. Wissenschaftliche Praxis in der soziologischen Reflexion“ im Februar 2016 vorgestellt und stehen seit letzter Woche auf dem SozBlog zur weiteren Diskussion (bitte Kommentarfunktion nutzen!). „Einladung zur Mittelbauversammlung 2016“ weiterlesen

Diskussion: Wahlverfahren zu den DGS-Gremien

Vorschläge zur Reform des Wahlverfahrens und zur Repräsentation des Mittelbaus in der Deutschen Gesellschaft für Soziologie (DGS)

Eines der wichtigsten Ziele unserer Initiative ist eine größere demokratische Legitimation der Gremien und eine breitere Partizipation der Mitgliedschaft in den Strukturen der DGS.

Das bisherige Wahlverfahren der Gremien der DGS ist intransparent und sorgt bisher dafür, dass von den insgesamt 37 Personen in Vorstand und Konzil 36 Professor*innen sind. Weder der akademische Mittelbau, der den Großteil der DGS-Mitglieder ausmacht noch die Studierenden sind vertreten. Für mehr Inklusion, Partizipation, Demokratie und Interessenvertretung bisher noch nicht oder schlecht repräsentierter Gruppen hat die Initiative „Für Gute Arbeit in der Wissenschaft“ Vorschläge zur Reform des Wahlprozederes von Vorstand und Konzil der DGS erarbeitet. Für die Umsetzung dieser Vorschläge müssten sowohl die Satzung, als auch die Wahlordnung der DGS geändert werden.

Die Diskussion zur Reform des Wahlverfahrens soll hiermit eröffnet werden, Alternativen müssen gegeneinander abgewogen werden. Deshalb ist Eure und Ihre Meinung zu unseren Vorschlägen zu Veränderungen in den Gremien sowie dem Wahlprozedere hier im Blog gefragt. Basierend auf dieser Diskussion soll ein überarbeiteter Entwurf sowohl auf der Mittelbauversammlung als auch der Mitgliederversammlung während des 38. Kongresses der DGS Ende September 2016 in Bamberg vorgestellt werden. „Diskussion: Wahlverfahren zu den DGS-Gremien“ weiterlesen

Für eine kompromisslose Diskussion der Modi von Wissensarbeit

Ein Gastbeitrag von Tino Heim, Dresden

 

Politische und akademische Debatten um die Krise der Wissensarbeit reproduzieren seit Jahren die gleichen Argumente und versanden in Symptom-Skandalisierungen, Mitleidsbekundungen für den ‚Nachwuchs‘ und Verheißungen ‚planbarer Karrieren‘. Diskutiert wird dabei mit Begriffen, die bestenfalls ideologische Funktion haben. Die gesellschaftliche Relevanz einer sich oft als ‚kritisch‘ attribuierenden Soziologie muss sich auch daran erweisen, ob diesbezügliche Diskurse in der DGS analytisch radikaler geführt werden und die Hinterfragung akademischer Hierarchien einschließen. „Für eine kompromisslose Diskussion der Modi von Wissensarbeit“ weiterlesen

Projektförmige Polis und akademische Prekarität im universitären Feudalsystem (Teil 2)

Zwei Diagnosen und eine Fünf-Jahres-Perspektive

Ein Gastbeitrag in zwei Teilen von Silke van Dyk und Tilman Reitz, Jena

Dies ist die Fortsetzung von Teil 1 vom 09. Juni.

 

Wettbewerbsregimes und akademischer Neofeudalismus

Inwiefern sind angesichts dieser gegenwärtig gebliebenen Vergangenheit soziologische Diagnosen der Refeudalisierung von Ökonomie und Klassenstruktur im Finanzmarktkapitalismus hilfreich, um Strukturen und Wandlungsprozesse im Wissenschaftsbetrieb zu analysieren? Einerseits scheinen sich Analogien aus zwei Gründen zu verbieten: Das akademische Feld funktioniert erstens aller Ökonomisierung zum Trotz nach anderen Maßgaben als die Sphäre des Finanzmarktkapitalismus; zweitens ist mehr als fraglich, ob mit Blick auf Statuspositionen, persönliche Abhängigkeiten und ständische Mitbestimmungsregeln überhaupt je von einer Ent-Feudalisierung des Wissenschaftsbetriebs die Rede sein konnte. Andererseits ist gerade angesichts der Gleichzeitigkeit von fortgesetzten Feudalstrukturen und zunehmendem Wettbewerb die Analyse des Hochschulsystems als Neo-Feudalismus reizvoll. „Projektförmige Polis und akademische Prekarität im universitären Feudalsystem (Teil 2)“ weiterlesen

Projektförmige Polis und akademische Prekarität im universitären Feudalsystem (Teil 1)

Zwei Diagnosen und eine Fünf-Jahres-Perspektive

Ein Gastbeitrag in zwei Teilen von Silke van Dyk und Tilman Reitz, Jena

 

Die Aussichten des akademischen Mittelbaus in Deutschland, seine Beschäftigungslage zu verbessern, scheinen auf den ersten Blick so gut zu sein wie lange nicht mehr. Die Staatskassen sind vergleichsweise voll, an fast allen Universitäten haben sich Mittelbau-Initiativen gebildet, die prekäre Beschäftigung des akademischen Nachwuchses ist zum Hauptthema der GEW avanciert, die Presse berichtet vermehrt über das Problem, Hochschulleitungen, Expertenkommissionen und Fachverbände wie die Deutsche Gesellschaft für Soziologie arbeiten an Lösungsvorschlägen. Doch trotz der lauter werdenden Kritik und der Einigkeit darüber, dass es für den mit einiger Penetranz so bezeichneten „Nachwuchs“ nicht optimal läuft, sind bislang bestenfalls kosmetische Lösungen und kleine Verbesserungen zu beobachten – die im konkreten Einzelfall natürlich wirklich helfen können. Wir wollen im Folgenden argumentieren, dass die Rahmenbedingungen akademischer Lehre und Forschung in Deutschland trotz solcher punktuellen Verbesserungen eine fortgesetzte Ausbeutung des Mittelbaus wahrscheinlich machen. Systematisch wollen wir die Beharrungskraft der Ausbeutung an den Hochschulen mithilfe zweier Muster aus soziologischen Zeitdiagnosen analysieren: der projektbasierten Polis als „neue[m] Geist des Kapitalismus“ (Boltanski/Chiapello 2006) und der „Refeudalisierung“ im flexiblen Finanzmarktkapitalismus (vgl. Neckel 2010). Interessanterweise produziert die Soziologie eine Vielzahl kritischer Diagnosen, ohne diese selbstreflexiv auf die (Arbeits-)Bedingungen der eigenen Wissensproduktion zu beziehen. „Projektförmige Polis und akademische Prekarität im universitären Feudalsystem (Teil 1)“ weiterlesen

Kapital und Arbeit im akademischen Shareholder-Kapitalismus (Teil 2)

Fatale Allianzen auf dem deutschen Sonderweg zur wissenschaftlichen Exzellenz

Ein Gastbeitrag in zwei Teilen von Richard Münch, Bamberg

Dies ist die Fortsetzung von Teil 1 vom 27. Mai

 

Nachdem im ersten Teil dieses Beitrags drei zentrale Entwicklungstrends des akademischen Shareholder-Kapitalismus skizziert wurden, sollen in diesem abschließenden Teil zwei Faktoren beleuchtet werden, die erklären, warum diese Entwicklung trotz ihrer unübersehbaren negativen Konsequenzen unbeirrt vorangetrieben wird.

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Kapital und Arbeit im akademischen Shareholder-Kapitalismus (Teil 1)

Fatale Allianzen auf dem deutschen Sonderweg zur wissenschaftlichen Exzellenz

Ein Gastbeitrag in zwei Teilen von Richard Münch, Bamberg

 

Bund und Länder werden also die Exzellenzinitiative zur Förderung der Spitzenforschung an den deutschen Universitäten fortsetzen. Die meist gebrauchte Formel der Lobpreisung dieses Programms ist die Erhöhung der internationalen Sichtbarkeit der Forschung in Deutschland. Wer etwas von dem Geldfluss von jährlich 533 Millionen Euro abbekommt, kann sich freuen und in den Lobgesang der Forschungspolitik einstimmen. Es scheint ja auf der Hand zu liegen, dass 533 Millionen Euro mehr auch um genau diesen Betrag mehr neue Erkenntnisse pro Jahr hervorbringen werden.

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Studentische Hilfskräfte und Mitarbeiter*innen. Feldsozialisation und studentische Arbeitskraftunternehmer*innen

Ein Gastbeitrag von Alexander Lenger, Karlsruhe, und Christian Schneickert, Magdeburg

 

Fragt man nach den strukturierenden Faktoren einer akademischen Karriere kommt man nicht umher, die zentrale Bedeutung einer Anstellung als studentische Hilfskraft anzuerkennen (wir sprechen im Folgenden auch von studentischen Mitarbeiter*innen, abgekürzt StuMi, um der Heterogenität der Anstellungsverhältnisse und Tätigkeitsbereiche gerecht zu werden und den unglücklichen, aber gängigen Begriff des ‚Hiwi‘ zu umgehen). Empirisch ist hinreichend belegt, dass die Tätigkeit als StuMi besondere Chancen für eine akademische Karriere eröffnet (BMBF 2006; Lenger 2008; Jaksztat2014). Entsprechend wird in der Ratgeberliteratur für Studierende und Nachwuchswissenschaftler*innen auch explizit hervorgehoben, dass ein Einstieg in die Hochschulkarriere idealtypisch über eine Anstellung als studentische Mitarbeiter*innen gelingt (Rompa 2010; Kaiser 2015). Vor diesem Hintergrund werden die entformalisierten Beschäftigungsverhältnisse von StuMis – ähnlich denen des akademischen Mittelbaus – mit deren wissenschaftlichen Weiterbildungseffekt gerechtfertigt (Regelmann 2004, 4).

Die Rolle von studentischen Hilfskräften im deutschen Hochschulwesen ist aber noch wesentlich komplexer. „Studentische Hilfskräfte und Mitarbeiter*innen. Feldsozialisation und studentische Arbeitskraftunternehmer*innen“ weiterlesen

Selbst(sorge) wissenschaftliche_r Mitarbeiter_innen

Über die Wissenschaft als Beruf(ung) wurde gerade aus soziologischer Perspektive schon viel geschrieben. Nicht erst seit Max Webers berühmten Aufsatz von 1919 ist der „wilde Hazard“ (ebd.), der die wissenschaftliche Karriere dominiert, prominenter Ankerpunkt für Kritik und Reformbestrebungen. Doch dieser Blogbeitrag soll sich nicht nur dem Weg und Unwegbarkeiten in der academia widmen, sondern vielmehr versuchen, einen Ausblick auf eine Praxis der Selbstsorge aus Sicht der wissenschaftlichen Mitarbeiter_innen zu wagen, vornehmlich in der Promotionsphase. „Selbst(sorge) wissenschaftliche_r Mitarbeiter_innen“ weiterlesen

Schütz‘ „gut informierter Bürger“, die dialogischen Medien und die Transformation der Wissensvermittlung (Populäres Wissen 3)

Öffentlichkeit und Alltagswissen
Der letzte Blogbeitrag hat das sich ändernde Verhältnis zwischen Wissenschaft und Öffentlichkeit behandelt und damit zugleich die Verwendung des Blogs als kommunikativer Gattung in einem wissenschaftlichen Kontext reflektiert. Da der Begriff der „Öffentlichkeit“ sehr vieldeutig ist, möchte ich in diesem dritten Teil versuchen, die Veränderungen aus einer wissenssoziologischen Perspektive anzugehen. Im abschließenden vierten Teil dieses ersten Blocks meines Sommerloch-Soziologische-Theorie-Blogs will ich unter dem Titel des Populären skizzieren, in welche Richtung sich diese Veränderungen zu bewegen scheinen.

„Schütz‘ „gut informierter Bürger“, die dialogischen Medien und die Transformation der Wissensvermittlung (Populäres Wissen 3)“ weiterlesen

Public Sociology und populäres Wissen (2):

Public Sociology, Wissenschaft und Öffentlichkeit

Armin Nassehi bestreitet die These von Nina Baur, das SozBlog würde bereits „öffentliche Soziologie“ (also „public sociogy“) bedeuten (in den Kommentaren). Dennoch steht außer Frage, dass Blogs (Weblogs) besondere kommunikative Medienformate darstellen. Diese gehen aufgrund ihrer interaktiven und technischen Formate weit über eine bloße neue „Textsorten“ hinaus, sind aber keineswegs spezifisch für die Wissenschaft. Blogs werden ja von allerlei Menschen für allerlei Zwecke geschrieben (Diese Zwecke kann man vermutlich kaum als „Funktionen“ beschreiben, auch wenn man vermuten kann, dass der Blog – wie jede kommunikative Gattung – bestimmte Probleme kommunikativen Handelns löst). Aus diesem Grund entspricht das Blog durchaus der Forderung des ehemaligen Präsidenten der Amerikanischen Soziologischen Gesellschaft, die Soziologie in die Gesellschaft zu tragen, indem sie sich an öffentlichen Debatten beteiligt (Burawoy 2005).

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